Saturday, July 30, 2022

Kapuzenmädchen

 aus Buch 1

16.7.05

Ich tanze, irgendwo in der Menge.

Plötzlich sehe ich durch ein Lücke

zwischen 2 Paaren eine kleine 

Gestalt in seidener Jacke mit Kapuze.

Wer trägt schon bei dieser Hitze 

eine Jacke? Und dann auch noch eine

Kapuze - beim Tanzen bei dieser

Hitze. Doch nicht etwa wieder das

Kapuzenmädchen?


18.7.05

Ich fahre in der Straßenbahn.

Links ein Radweg; dahinter

Büsche. Büsche, Büsche, Bü-

sche. Rechts eine Straße; Autos,

Autos, Laster, Autos .... Ich

sitze auf der linken Seite.

Mein Blick wandert gelangweilt

über alles, was dort vorbei -

huscht. An einer Haltestelle

steigt jemand ein, und zwar bei

der Tür, an der ich sitze. Ich

blicke auf. Es sind zwei Mäd-

chen. Die eine trägt eine seide-

ne Jacke, mit Kapuze. Ich

kann ihr Gesicht nicht sehen,

da es im Schatten der Kapuze

liegt. Sie wenden sich nach

rechts - mir ihre Rücken zu -

und setzen sich auf zwei freie

Sitze/ Plätze. Wer war dieses

Mädchen, das immer eine Kapuze

trug und mir dauernd begegnete?

War sie das Kapuzenmädchen?

Und das Mädchen neben ihr,

war sie Nina?

Aber die Nina aus meinem

Traum sah anders aus; und

auch das Kapuzenmädchen,

dusterer ... Aber was hatte

das schon zu sagen, in mei-

nem Traum waren sie  nur

meiner Phantasie entsprungen ...

Oder? Sie könnten sich schließlich

nicht in meine Träume teleportieren ...

Den Rest der Fahrt sitze ich 

grübelnd auf meinem Platz,

hin und wieder einen Blick auf

die beiden riskierend. Doch 

schließlich bin ich es, die zuerst

aussteigen muss.


22.7.05

Wo ist das Kapuzenmädchen

geblieben?


23.7.05

Ich fahre durch den Wald.

Ich bin auf dem Heimweg.

Langsam trete ich in die

Pedale. Das Fahrrad schlenkert

ein bischen. Unter meinen

Reifen knackt ein Stock;

die Straße ist auch nicht-

mehr die beste, überall

Risse und aufgebröselte

Stellen, Schlaglöcher. Vor mir

taucht eine Kurve auf. Ich

gebe der Pedale ein wenig 

Schwung. Langsam segle ich

um die Kurve. Vor mir ist noch

jemand unterwegs, fast bei der

nächsten Kurve. Eine schlanke

Gestalt auf einem bläulich

schillernden Fahrrad. Sie trägt

eine lange blaue Jacke eine

Kapuzenjacke - und die Kapuze 

hat sie auf dem Kopf.

Ich fahre schneller, trete

heftiger in die Pedale, will

sie einholen. Doch auch sie

fährt wohl schneller, denn

als ich die Kurve erreiche

ist sie bereits ein gutes

Stück voraus. Ich trete

schneller und schneller, hetze

wie wahnsinnig, durch den 

Wald, ringe nach Atem; doch

immer ist sie voraus, scheint

vor mir herzufliegen, leicht,

wie eine Feder, ohne jegliche

Anstrengung, gleichsam

schwebend, manchmal fast

durchscheinend. Kreuz und

quer führt sie mich so

durch den Wald. Schließlich

verschwindet sie. Einfach so

direkt vor meinen Augen - 

gerade so, als wäre sie nie

wirklich da gewesen, als gäbe

es sie gar nicht.

Erschöpft halte ich auf mei-

nem Fahrrad inne. Ich

würde ihrem Rätsel wohl

nie auf die Spur kommen.


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Knatternd fährt ein Motorboot

über das Wasser. Zerreist

die Stille. Dann ist es vorrü-

ber, die Welt kippt wieder

ins Lot. Ich lasse mich zurück-

sinken, in die Tiefen des Meeres.

Wasser strömt an meinem Körper

vorbei, als ich langsam tiefer

gleite, gelegentlich mit der

Schwanzflosse schlagend. Tau-

send Stimmen des Wassers

raunen mir ihre Geschichten

ins Ohr. Kleinstlebewesen strö-

men im Wasser dahin. Dies

ist meine Welt. Und es ist

auch die Welt der Toten

Wächter, denn dort unten

liegt ihr Land. Aber das wer-

det ihr alles erfahren wenn

ihr dort ankommt. Kommt!

Kommt mit mir ins Land der

Toten Wächter, gegleitet mich

auf meiner Reise, auf meiner

Reise ins Land der Toten

Wächter. Kommt!

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Ich gleite durch das Däm-

merlicht dort in den mittleren

Wasserschichten des Meeres.

Einzelne Sonnenstrahlen fallen

durch das Wasser zu mir herunter,

tausendfach am Meeresspiegel

gebrochen. Wieder sind die

Stimmen um mich, die vielen

kleinen Stimmen, die mir

leise ins Ohr flüstern. Doch

unsere Reise ist noch lang

und auch und auch ihre 

Geschichten werden auf

Dauer langweilig wenn man

sie wieder und wieder hört.

Deshalb erzähle ich euch nun

eine Geschichte.

Die Geschichte von 

Sirg und Nirg und vom

Land der Toten Wächter.

(-> Sirg und Nirg)

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7.8.05

Ich sitze einfach nur da ent-

spannt, zurückgelehnt, die Au-

gen halb geschlossen. Langsa-

me Musik spielt, irgendwo im

Hintergrund meines Bewusst-

seins. Ein langsamer Walzer.

Plötzlich spricht mich je-

mand an, völlig unerwartet.

Ich schrecke hoch. Was? stamm-

le ich verwirrt, reiße die Au-

gen auf. Im ersten Moment

nehme ich garnicht richtig war

was eigentlich los ist. Vor mir

steht eine schlanke Gestalt in

weißer Seidenjacke, eine Kapu-

ze auf dem Kopf. Ich erschrec-

ke noch einmal. Das Kapu-

zenmädchen. Sie lächelt beruhi-

gend und wiederholt geduldig

ihre Frage. Ist hier noch ein

Platz frei? Ich nicke verstört.

Es war offensichtlich, dass

an dem großen Tisch außer

mir niemand saß. Ich weiche

ihrem Blick aus, irgendwohin

in die Menge. Dort in die 

tanzende Menge. Plötzlich

wird mir bewusst, dass die

Musik gewechselt hat. Tango.

Dann tauchen Lola und 

mein Tanzpartner auf, Ben.

Glück gehabt.

Erleichtert eile ich den bei-

den entgegen, der Tanzfläche

zu, weg vom Kapuzenmädchen.

Du siehst ja ganz blass aus.

Ist etwas passiert? fragt mich

Lola besorgt. Nein nichts, 

antworte ich und zwinge mich

zu einem Lächeln. Doch Lola

spürt das etwas nicht stimmt,

ihr kann ich nichts vormachen.

Ich bin nur jemandem begegnet,

den ich hier nicht erwartet hätte,

erkläre ich entschuldigend.

Ben schüttelt nur den Kopf

über uns beide. Wofür er von

jeder einen Rippenstoß erhält.

Das Lied endet. Wiener Walzer.

Ben zieht mich auf die Tanz-

fläche. Lola kehrt zu unserem

Tisch zurück. Dort ist das

Kapuzenmädchen inzwischen

wieder verschwunden. Ich atme

erleichtert auf. Dann schiebe ich

sie ans hinterste Ende meiner

Gedanken, raus aus meinem

Kopf. Der Abend ist gerettet.


2005 Lilly Lime

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