aus Buch 1
16.7.05
Ich tanze, irgendwo in der Menge.
Plötzlich sehe ich durch ein Lücke
zwischen 2 Paaren eine kleine
Gestalt in seidener Jacke mit Kapuze.
Wer trägt schon bei dieser Hitze
eine Jacke? Und dann auch noch eine
Kapuze - beim Tanzen bei dieser
Hitze. Doch nicht etwa wieder das
Kapuzenmädchen?
18.7.05
Ich fahre in der Straßenbahn.
Links ein Radweg; dahinter
Büsche. Büsche, Büsche, Bü-
sche. Rechts eine Straße; Autos,
Autos, Laster, Autos .... Ich
sitze auf der linken Seite.
Mein Blick wandert gelangweilt
über alles, was dort vorbei -
huscht. An einer Haltestelle
steigt jemand ein, und zwar bei
der Tür, an der ich sitze. Ich
blicke auf. Es sind zwei Mäd-
chen. Die eine trägt eine seide-
ne Jacke, mit Kapuze. Ich
kann ihr Gesicht nicht sehen,
da es im Schatten der Kapuze
liegt. Sie wenden sich nach
rechts - mir ihre Rücken zu -
und setzen sich auf zwei freie
Sitze/ Plätze. Wer war dieses
Mädchen, das immer eine Kapuze
trug und mir dauernd begegnete?
War sie das Kapuzenmädchen?
Und das Mädchen neben ihr,
war sie Nina?
Aber die Nina aus meinem
Traum sah anders aus; und
auch das Kapuzenmädchen,
dusterer ... Aber was hatte
das schon zu sagen, in mei-
nem Traum waren sie nur
meiner Phantasie entsprungen ...
Oder? Sie könnten sich schließlich
nicht in meine Träume teleportieren ...
Den Rest der Fahrt sitze ich
grübelnd auf meinem Platz,
hin und wieder einen Blick auf
die beiden riskierend. Doch
schließlich bin ich es, die zuerst
aussteigen muss.
22.7.05
Wo ist das Kapuzenmädchen
geblieben?
23.7.05
Ich fahre durch den Wald.
Ich bin auf dem Heimweg.
Langsam trete ich in die
Pedale. Das Fahrrad schlenkert
ein bischen. Unter meinen
Reifen knackt ein Stock;
die Straße ist auch nicht-
mehr die beste, überall
Risse und aufgebröselte
Stellen, Schlaglöcher. Vor mir
taucht eine Kurve auf. Ich
gebe der Pedale ein wenig
Schwung. Langsam segle ich
um die Kurve. Vor mir ist noch
jemand unterwegs, fast bei der
nächsten Kurve. Eine schlanke
Gestalt auf einem bläulich
schillernden Fahrrad. Sie trägt
eine lange blaue Jacke eine
Kapuzenjacke - und die Kapuze
hat sie auf dem Kopf.
Ich fahre schneller, trete
heftiger in die Pedale, will
sie einholen. Doch auch sie
fährt wohl schneller, denn
als ich die Kurve erreiche
ist sie bereits ein gutes
Stück voraus. Ich trete
schneller und schneller, hetze
wie wahnsinnig, durch den
Wald, ringe nach Atem; doch
immer ist sie voraus, scheint
vor mir herzufliegen, leicht,
wie eine Feder, ohne jegliche
Anstrengung, gleichsam
schwebend, manchmal fast
durchscheinend. Kreuz und
quer führt sie mich so
durch den Wald. Schließlich
verschwindet sie. Einfach so
direkt vor meinen Augen -
gerade so, als wäre sie nie
wirklich da gewesen, als gäbe
es sie gar nicht.
Erschöpft halte ich auf mei-
nem Fahrrad inne. Ich
würde ihrem Rätsel wohl
nie auf die Spur kommen.
__________________________________
_________________________________
Knatternd fährt ein Motorboot
über das Wasser. Zerreist
die Stille. Dann ist es vorrü-
ber, die Welt kippt wieder
ins Lot. Ich lasse mich zurück-
sinken, in die Tiefen des Meeres.
Wasser strömt an meinem Körper
vorbei, als ich langsam tiefer
gleite, gelegentlich mit der
Schwanzflosse schlagend. Tau-
send Stimmen des Wassers
raunen mir ihre Geschichten
ins Ohr. Kleinstlebewesen strö-
men im Wasser dahin. Dies
ist meine Welt. Und es ist
auch die Welt der Toten
Wächter, denn dort unten
liegt ihr Land. Aber das wer-
det ihr alles erfahren wenn
ihr dort ankommt. Kommt!
Kommt mit mir ins Land der
Toten Wächter, gegleitet mich
auf meiner Reise, auf meiner
Reise ins Land der Toten
Wächter. Kommt!
------------------------------
Ich gleite durch das Däm-
merlicht dort in den mittleren
Wasserschichten des Meeres.
Einzelne Sonnenstrahlen fallen
durch das Wasser zu mir herunter,
tausendfach am Meeresspiegel
gebrochen. Wieder sind die
Stimmen um mich, die vielen
kleinen Stimmen, die mir
leise ins Ohr flüstern. Doch
unsere Reise ist noch lang
und auch und auch ihre
Geschichten werden auf
Dauer langweilig wenn man
sie wieder und wieder hört.
Deshalb erzähle ich euch nun
eine Geschichte.
Die Geschichte von
Sirg und Nirg und vom
Land der Toten Wächter.
(-> Sirg und Nirg)
_______________________________
________________________________
7.8.05
Ich sitze einfach nur da ent-
spannt, zurückgelehnt, die Au-
gen halb geschlossen. Langsa-
me Musik spielt, irgendwo im
Hintergrund meines Bewusst-
seins. Ein langsamer Walzer.
Plötzlich spricht mich je-
mand an, völlig unerwartet.
Ich schrecke hoch. Was? stamm-
le ich verwirrt, reiße die Au-
gen auf. Im ersten Moment
nehme ich garnicht richtig war
was eigentlich los ist. Vor mir
steht eine schlanke Gestalt in
weißer Seidenjacke, eine Kapu-
ze auf dem Kopf. Ich erschrec-
ke noch einmal. Das Kapu-
zenmädchen. Sie lächelt beruhi-
gend und wiederholt geduldig
ihre Frage. Ist hier noch ein
Platz frei? Ich nicke verstört.
Es war offensichtlich, dass
an dem großen Tisch außer
mir niemand saß. Ich weiche
ihrem Blick aus, irgendwohin
in die Menge. Dort in die
tanzende Menge. Plötzlich
wird mir bewusst, dass die
Musik gewechselt hat. Tango.
Dann tauchen Lola und
mein Tanzpartner auf, Ben.
Glück gehabt.
Erleichtert eile ich den bei-
den entgegen, der Tanzfläche
zu, weg vom Kapuzenmädchen.
Du siehst ja ganz blass aus.
Ist etwas passiert? fragt mich
Lola besorgt. Nein nichts,
antworte ich und zwinge mich
zu einem Lächeln. Doch Lola
spürt das etwas nicht stimmt,
ihr kann ich nichts vormachen.
Ich bin nur jemandem begegnet,
den ich hier nicht erwartet hätte,
erkläre ich entschuldigend.
Ben schüttelt nur den Kopf
über uns beide. Wofür er von
jeder einen Rippenstoß erhält.
Das Lied endet. Wiener Walzer.
Ben zieht mich auf die Tanz-
fläche. Lola kehrt zu unserem
Tisch zurück. Dort ist das
Kapuzenmädchen inzwischen
wieder verschwunden. Ich atme
erleichtert auf. Dann schiebe ich
sie ans hinterste Ende meiner
Gedanken, raus aus meinem
Kopf. Der Abend ist gerettet.
2005 Lilly Lime