Tuesday, August 2, 2022

(Sonntags) Morgenmuffel

 

Er quälte sich aus dem Bett und wankte halbverschlafen in die Küche.

Es war hell, sehr hell draußen, und er hatte wie so oft in den letzten Tagen kaum geschlafen.

Halb 8.

Wach.

Dabei war es doch eine allgemeine akzeptierte Tatsache, dass der Schlaf zwischen 9 und 11 Uhr der erholsamste ist.

In der Küche wartete die ganze noble Familie auf ihn.

Mr. White lehnte am Kühlschrank und löffelte einen Joghurt, der Mann im schwarzen Anzug starrte auf die laufenden Küchenmaschine, im Fensterrahmen saß das Feuer in seinem roten Designerklamottem und ließ das rechte Bein im Freien baumeln , während der Junge mitten im Weg vor der Küchentür saß und mit zwei Frühstückseiern spielte.

 

Er zwängte sich an ihm vorbei in dem völlig überfüllten Raum und schob sich zur Kaffeemaschine.

"Wo ist Arthur ?"

Das Feuer blickte gelangweilt in die Tiefe.

"Noch im Bad, du weißt ja, es dauert bei ihm immer etwas."

Er versuchte an einen Kaffee zu kommen. Dazu schob er den Mann im schwarzen Anzug etwas beiseite, der seinerseits Mr. White ein Stück weit vom Kühlschrank wegdrängte, und aus dem Küchenschrank schon mal zwei Tassen nahm. Eine für sich selbst, die andere stellte er ihm hin.

 

Der Kaffee war fertig. Er schenkte sich ein , und auch seinem Nebenmann. Nur Kaffee, kein Zucker, keine Milch .

"Schwarz? Wie Klischee...", kommentierte der Mann im schwarzen Anzug und scheuchte Mr. White endgültig vom Kühlschrank fort, um sich die Milch zu nehmen .

Ich habe das Gefühl, dass ich ihn schwarz brauchen werde. Jungs, ihr könnt nicht ständig hier auftauchen, und bitte auch nicht alle auf einmal.  Hier ist einfach nicht genügend Platz..."

Der Junge sah in mit großen Augen an und fing an zu heulen.

Mr. White machte einen Schritt zur Seite, und tätschelte seinen Kopf. Dann wandte er sich mit ernster Miene ihm zu.

"Wir müssen reden."

Das hatte er befürchtet. Seufzend spielte er mit dem Gedanken, sich auf einem der beiden Küchenstühle niederzulassen. Aber dazu musste er irgendwie an Mr. White und dem Mann im schwarzen Anzug vorbei, und den jungen  verscheuchen, oder er nahm den anderen, und riskierte es, das Feuer bei einer unbedachten Drehung aus dem Fenster zu werfen.

Dieser Gedanke war verlockend, er beschäftigte ihn einen Augenblick.

"Earth Control an Major Jay?" Das Feuer beendete seinen Tagtraum indem es ihn ansprach.

„Was, wie? Verzeihung. Also , was gibt´s?“

Es war vermutlich ohnehin besser, stehen zu bleiben . So hatte er immerhin den Rücken frei und sie alle im Blick .

„Wo seine Gedanken gerade wohl waren ?“ , unkte der Rote weiter, und erntete einen bösen Blick von seinem Gegenüber.

Mr. White ergriff die Initiative.

 

Es ist doch auch gar nicht´s Schlechtes dabei.  Sie ist nun mal faszinierend und unglaublich spannend.

Das ist nichts Negatives. Wir müssen uns nur festlegen, wie wir weiter mit ihr umgehen wollen .

Meine Meinung steht fest, sie …“

 

Es ist sowie egal.“ , fiel ihm der Mann im schwarzen Anzug ins Wort, und nahm einen tiefen  Schluck Kaffee. Er verzog kurz das Gesicht, schüttete dann etwas Milch nach.

„ Wir wissen was geschieht . Wir kennen uns doch .

Am Ende gibt´s nur Missverständnisse, Enttäuschung und Schmerz .“

 

Der Junge , der sich gerade erst beruhigt hatte, fing wieder an zu weinen.

 

„ Meine Güte, mit euch auf einer einsamen Insel ist der Traum jedes Masochisten .

Es fängt gerade erst an, spannend zu werden … „

Er trank. Die erste Tasse, dann die zweite. So schwarz, wie er hätte sein müssen, um ihn für den Streit,

der um ihn herum entbrannte, wach genug zu machen, konnte der Kaffee gar nicht sein .

So einen starken Kaffee gab es auf der ganzen Welt nicht .

Mr. White und das Feuer stritten sich aus tiefster Überzeugung , der Junge legte eine Mischung aus Trotz und Weinerlichkeit an den Tag, und der Mann im schwarzen Anzug glänzte mit bissigen Zynismus. Und das am frühen Morgen . Am hellen frühen Morgen.

Die Sonnenstrahlen, die zum Fenster herein fielen , lagen nun direkt auf seinem Gesicht und blendeten ihn. Das hatte gerade noch gefehlt. Aber es hatte einen Vorteil – so aufdringlich hell, wie die Sonne war, vergaß er völlig den Streit um ihn herum . Er schloss einen Moment lang seine Augen, und dann wurde es still.

Als er merkte , dass „still“ eigentlich nicht´s Gutes heißen konnte, öffnete er gequält und in Erwartung einer strafenden Überraschung langsam sein rechtes Auge ein wenig .

Das Feuer war noch da, auch der Junge. Beide blickten ihn an . Mehr konnte er mit dem einen Auge nicht sehen. Kopf drehen, oder auch noch das andere öffnen ?

Da Kopf drehen vermutlich für mehr Aufmerksamkeit gesorgt hätte, entschloss er sich, nun auch mit dem linken Augen einen Blick zu wagen .

Alles beim Alten – auch die anderen beiden waren noch da. Und auch sie starten ihn an.

Irgendwie spürte er eine explosive Mischung aus Vorwürfen und Erwartung im Raum .

 

Resignierend stellte er die Tasse ab, und setze an zur Erklärung .

„Leute ich kann nicht´s tun. Ihr wisst, dass ich sie spannend und interessant finde .

Ich kann nicht´s dafür. Und dann stand sie neulich einfach da – so ein bisschen hat man ihr angemerkt, dass sie sich überwinden musste, es zu tun , aber sie hatte eine Entscheidung getroffen, und wollte und musste das jetzt durchziehen. Sie hat das Büchlein aufgeklappt, noch etwas hinein-geschrieben, und es mir dann hingehalten. Was sollte ich tun?  Es ablehnen?

 

Dazu hatte jeder seine Gäste wohl eine eigene Meinung, die jeder scheinbar auch dringend mitteilen wollte, aber er ließ sie gar nicht zu Worte kommen .

 

„Und selbst wenn, DAS ist doch gar nicht das Problem. Es ist mehr…“, er rang nach Worten .

Sie ist spannend, und…“

 

Das Feuer spielte mit einem kleinen Feuerball in seiner Hand und gähnte laut. Die anderen warfen ihm einen Reiß-dich-mal-zusammen-Blick zu.

Oh, Verzeihung, aber er klang so, als würde das jetzt länger dauern. Ists denn so schwer?

Ich mein, immerhin kennen wir uns jetzt schon ein paar Tage.

Der Mann im schwarzen Anzug wandte sich wieder ihm zu, und ermunterte ihn.

„Uns kannst du ohnehin nichts vorenthalten, also einfach raus damit !“

Er wusste, dass er recht hatte, und fuhr nun deutlicher fort.

„ Sie stand da, so nah. Und in diesem Moment wohl  auch verletzlich. Ihr wisst, dass ich Frauen, die in sich selbst versinken können, ei wissen, sich zu bewegen, und die ihre eigene Körpersprache haben , sehr sinnlich finde…“

Das Feuer ließ den Feuerball in seiner Hand in einer Rauchwolke verschwinden.

 

„… und dann stand sie eben so da, und ich neben ihr. Und ich hatte das Buch genommen, und eingesteckt, und ihr dabei in die Augen geschaut , hilflos und überwältigt von dem Vertrauen, das sie mir entgegenbringt. Und ich wusste sofort, dass dies der falscheste Moment überhaupt war, mir zu vertrauen. „

„Gibt es einen richtigen Moment, dir zu vertrauen ?“

Der Junge quittierte die spöttische Bemerkung des Mannes im schwarzen Anzug damit, das er eines der beiden Frühstückseier nach ihm warf, er verfehlte knapp, und hinterließ eine hässliche Spur von Eidotter und Schalen an der Kühlschranktür und auf dem Boden.

Er nickte dem Jungen zustimmend zu .

„Danke. In diesem Moment spürte ich eine große Nähe. Und ich sah sie nicht nur als die attraktive junge Frau, als die ich sie vorher schon gesehen hatte, und zu der ich immer eine gewisse Distanz wahrte, ich BEGEHRTE sie . Ihre Auge – sie mag ihre Augen nicht besonders, warum auch immer – ihre Augen versprechen Wärme und Tiefe , ihre Sinnlichkeit Leidenschaft und Hingabe .

Mit ihr gemeinsam zu versinken, abzutauchen im Strudel gemeinsam sich-fallen-lassens…“

„Bitte es sind Kinder anwesend!“, Mr. White hielt dem Jungen die Ohren zu, der sich dagegen leidenschafltich sträubte.

„Whatever. Ihr kennt das ja sowieso“, und nach einer kurzen Pause fügte er endlich hinzu :

„Ich glaub ich bin verliebt.“

„Na endlich , DAS war aber eine schwere Geburt“, das Feuer streckte sich, und schien einen Moment lang die Balance zu verlieren. Ein kleiner stoß hätte gereicht – aber Pustekuchen, es war alles nur gespielt, gekonnt schwang es nun das rechte Bein zurück in die Küche und dreht sich, den Rücken zum Abgrund, in den Raum hinein.

Mr. White und der Mann im schwarzen Anzug waren sich selten einig, aber ihr „Und nun?“  kamen unisono wie aus einem Mund. Diese Gelegenheit nutzte der Junge, um die lästigen Hände von seinen Ohren zu befreien und streckte Mr. White inbrünstig die Zunge heraus.

Dann lächelte er, und strahlte ihn an.

Nun kam Bewegung in die Runde. Nicht durch die ohnehin schon in der Küche versammelten Gäste, die gebannt auf ihn starrten, nicht durch ihn, der weder wusste, es er sagen wollte, noch was er sagen sollte, nein: es war die Küchentür, die sich öffnete und die Gesellschaft mehr oder minder freiwillig dazu brachte, sich neu zu sortieren. Arthur stand in der Tür, in voller Rüstung. Und das bedeutete, er brauchte Platz.

„ Ich habe im geraten, ihr von uns zu erzählen!“

Ein paar Funken flogen, als ob das Feuer ihm einen kleinen Flammenstrahl über die Rüstung schickte.

„Arthur, nein! Du hast ein dämliches Timing, und du hättest das vorher mit uns abstimmen müssen !

Und kannst du nicht einmal ohne diese Drecksrüstung auftauchen?

Du bist schon schwerfällig und lästig genug …

 

Und auf ging´s! Jeder hatte seine eigene Meinung, was zu tun sei. Was zu vermeiden. Was die beste Lösung wäre, was bevor stünde, wie man auf was zu reagieren hatte, wie was einzuschätzen sei.

Irgendwann musste er aufs Klo, zuviel Kaffee.

Er zwängte sich durch die viel zu überfüllte Küche.  Am Mann mit dem schwarzen Anzug vorbei, der längst seinen Kaffee leer getrunken hatte, sich aber an seiner Tasse klammerte. Vorbei am sich in Rage redenden Mr. White, predigend und flehend. Am sehr launischen kleinen Jungen, der immer wieder unschlüssig vom einen zum anderen blickte und sich nicht entscheiden konnte, was er denn nun dachte und wollte, und stets auf der Suche nach dem , der das zweite Frühstücksein am meisten an seinem Kopf verdient hätte. Am Feuer, das wahrlich flammende Appelle hielt, und seinen Weg für den einzig spannenden und reizvollen hielt. Und an Arthur, der sie alle in der Küche band, an ihm würde niemand vorbeikommen. Außer ihm natürlich, denn er , da er sich nicht selbst am Streit beteiligte, weil er noch gar keine Meinung hatte, und keine Vorstellung davon, wie es weitergehen sollte, schien völlig unsichtbar zu sein für den Ritter in diesem Moment.

Nach dem Toilettengang fühlte er sich erleichtert. Überhaupt war er gerade sehr erleichtert und irgendwie befreit von allem . Seine Gäste waren viel zu vertieft im Abwägen der Optionen, im Streit um Konsequenzen und Verhaltensweisen, um sein Verschwinden überhaupt zu bemerken. Und so legte er sich noch einmal ins Bett.

Der Schlaf zwischen 9 und 11 Uhr ist – das ist eine allgemeinanerkannte Tatsache – schließlich der erholsamste.

 

Und es ist die perfekte Zeit um zu träumen.

 

30.09.2009

@Lilly Lime

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