Er quälte sich aus dem Bett und wankte halbverschlafen in die Küche.
Es war
hell, sehr hell draußen, und er hatte wie so oft in den letzten Tagen kaum
geschlafen.
Halb 8.
Wach.
Dabei war
es doch eine allgemeine akzeptierte Tatsache, dass der Schlaf zwischen 9 und 11
Uhr der erholsamste ist.
In der
Küche wartete die ganze noble Familie auf ihn.
Mr. White
lehnte am Kühlschrank und löffelte einen Joghurt, der Mann im schwarzen Anzug
starrte auf die laufenden Küchenmaschine, im Fensterrahmen saß das Feuer in
seinem roten Designerklamottem und ließ das rechte Bein im Freien baumeln ,
während der Junge mitten im Weg vor der Küchentür saß und mit zwei
Frühstückseiern spielte.
Er zwängte
sich an ihm vorbei in dem völlig überfüllten Raum und schob sich zur Kaffeemaschine.
"Wo
ist Arthur ?"
Das Feuer
blickte gelangweilt in die Tiefe.
"Noch
im Bad, du weißt ja, es dauert bei ihm immer etwas."
Er
versuchte an einen Kaffee zu kommen. Dazu schob er den Mann im schwarzen Anzug
etwas beiseite, der seinerseits Mr. White ein Stück weit vom Kühlschrank
wegdrängte, und aus dem Küchenschrank schon mal zwei Tassen nahm. Eine für sich
selbst, die andere stellte er ihm
hin.
Der Kaffee
war fertig. Er schenkte sich ein , und auch seinem Nebenmann. Nur Kaffee, kein
Zucker, keine Milch .
"Schwarz?
Wie Klischee...", kommentierte der Mann im schwarzen Anzug und scheuchte
Mr. White endgültig vom Kühlschrank fort, um sich die Milch zu nehmen .
Ich habe
das Gefühl, dass ich ihn schwarz brauchen werde. Jungs, ihr könnt nicht ständig
hier auftauchen, und bitte auch nicht alle auf einmal. Hier ist einfach nicht genügend
Platz..."
Der Junge
sah in mit großen Augen an und fing an zu heulen.
Mr. White
machte einen Schritt zur Seite, und tätschelte seinen Kopf. Dann wandte er sich
mit ernster Miene ihm zu.
"Wir
müssen reden."
Das hatte
er befürchtet. Seufzend spielte er mit dem Gedanken, sich auf einem der beiden
Küchenstühle niederzulassen. Aber dazu musste er irgendwie an Mr. White und dem
Mann im schwarzen Anzug vorbei, und den jungen
verscheuchen, oder er nahm den anderen, und riskierte es, das Feuer bei
einer unbedachten Drehung aus dem Fenster zu werfen.
Dieser
Gedanke war verlockend, er beschäftigte ihn
einen Augenblick.
"Earth
Control an Major Jay?" Das Feuer beendete seinen Tagtraum indem es ihn ansprach.
„Was, wie?
Verzeihung. Also , was gibt´s?“
Es war
vermutlich ohnehin besser, stehen zu bleiben . So hatte er immerhin den Rücken
frei und sie alle im Blick .
„Wo seine Gedanken gerade wohl waren ?“ ,
unkte der Rote weiter, und erntete einen bösen Blick von seinem Gegenüber.
Mr. White ergriff die Initiative.
Es ist doch auch gar nicht´s Schlechtes dabei. Sie ist nun mal faszinierend und unglaublich
spannend.
Das ist nichts Negatives. Wir müssen uns nur festlegen, wie
wir weiter mit ihr umgehen wollen .
Meine Meinung steht fest, sie …“
Es ist sowie egal.“ , fiel ihm der Mann im
schwarzen Anzug ins Wort, und nahm einen tiefen
Schluck Kaffee. Er verzog kurz das Gesicht, schüttete dann etwas Milch
nach.
„ Wir wissen was geschieht . Wir kennen uns doch .
Am Ende gibt´s nur Missverständnisse, Enttäuschung und
Schmerz .“
Der Junge , der sich gerade erst beruhigt hatte, fing wieder
an zu weinen.
„ Meine Güte, mit euch auf einer
einsamen Insel ist der Traum jedes Masochisten .
Es fängt gerade erst an, spannend
zu werden … „
Er trank. Die erste Tasse, dann die
zweite. So schwarz, wie er hätte sein müssen, um ihn für den Streit,
der um ihn herum entbrannte, wach
genug zu machen, konnte der Kaffee gar nicht sein .
So einen starken Kaffee gab es auf
der ganzen Welt nicht .
Mr. White und das Feuer stritten
sich aus tiefster Überzeugung , der Junge legte eine Mischung aus Trotz und
Weinerlichkeit an den Tag, und der Mann im schwarzen Anzug glänzte mit bissigen
Zynismus. Und das am frühen Morgen . Am hellen frühen Morgen.
Die Sonnenstrahlen, die zum Fenster
herein fielen , lagen nun direkt auf seinem Gesicht und blendeten ihn. Das
hatte gerade noch gefehlt. Aber es hatte einen Vorteil – so aufdringlich hell,
wie die Sonne war, vergaß er völlig den Streit um ihn herum . Er schloss einen
Moment lang seine Augen, und dann wurde es still.
Als er merkte , dass „still“
eigentlich nicht´s Gutes heißen konnte, öffnete er gequält und in Erwartung
einer strafenden Überraschung langsam sein rechtes Auge ein wenig .
Das Feuer war noch da, auch der
Junge. Beide blickten ihn an . Mehr konnte er mit dem einen Auge nicht sehen.
Kopf drehen, oder auch noch das andere öffnen ?
Da Kopf drehen vermutlich für mehr
Aufmerksamkeit gesorgt hätte, entschloss er sich, nun auch mit dem linken Augen
einen Blick zu wagen .
Alles beim Alten – auch die anderen
beiden waren noch da. Und auch sie starten ihn an.
Irgendwie spürte er eine explosive
Mischung aus Vorwürfen und Erwartung im Raum .
Resignierend stellte er die Tasse
ab, und setze an zur Erklärung .
„Leute ich kann nicht´s tun. Ihr
wisst, dass ich sie spannend und interessant finde .
Ich kann nicht´s dafür. Und dann
stand sie neulich einfach da – so ein bisschen hat man ihr angemerkt, dass sie
sich überwinden musste, es zu tun , aber sie hatte eine Entscheidung getroffen,
und wollte und musste das jetzt durchziehen. Sie hat das Büchlein aufgeklappt,
noch etwas hinein-geschrieben, und es mir dann hingehalten. Was sollte ich tun? Es ablehnen?
Dazu hatte jeder seine Gäste wohl
eine eigene Meinung, die jeder scheinbar auch dringend mitteilen wollte, aber
er ließ sie gar nicht zu Worte kommen .
„Und selbst wenn, DAS ist doch gar
nicht das Problem. Es ist mehr…“, er rang nach Worten .
Sie ist spannend, und…“
Das Feuer spielte mit einem kleinen
Feuerball in seiner Hand und gähnte laut. Die anderen warfen ihm einen
Reiß-dich-mal-zusammen-Blick zu.
Oh, Verzeihung, aber er klang so,
als würde das jetzt länger dauern. Ists denn so schwer?
Ich mein, immerhin kennen wir uns
jetzt schon ein paar Tage.
Der Mann im schwarzen Anzug wandte
sich wieder ihm zu, und ermunterte ihn.
„Uns kannst du ohnehin nichts
vorenthalten, also einfach raus damit !“
Er wusste, dass er recht hatte, und
fuhr nun deutlicher fort.
„ Sie stand da, so nah. Und in
diesem Moment wohl auch verletzlich. Ihr
wisst, dass ich Frauen, die in sich selbst versinken können, ei wissen, sich zu
bewegen, und die ihre eigene Körpersprache haben , sehr sinnlich finde…“
Das Feuer ließ den Feuerball in
seiner Hand in einer Rauchwolke verschwinden.
„… und dann stand sie eben so da,
und ich neben ihr. Und ich hatte das Buch genommen, und eingesteckt, und ihr
dabei in die Augen geschaut , hilflos und überwältigt von dem Vertrauen, das
sie mir entgegenbringt. Und ich wusste sofort, dass dies der falscheste Moment
überhaupt war, mir zu vertrauen. „
„Gibt es einen richtigen Moment,
dir zu vertrauen ?“
Der Junge quittierte die spöttische
Bemerkung des Mannes im schwarzen Anzug damit, das er eines der beiden Frühstückseier
nach ihm warf, er verfehlte knapp, und hinterließ eine hässliche Spur von
Eidotter und Schalen an der Kühlschranktür und auf dem Boden.
Er nickte dem Jungen zustimmend zu
.
„Danke. In diesem Moment spürte ich
eine große Nähe. Und ich sah sie nicht nur als die attraktive junge Frau, als
die ich sie vorher schon gesehen hatte, und zu der ich immer eine gewisse Distanz
wahrte, ich BEGEHRTE sie . Ihre Auge – sie mag ihre Augen nicht besonders,
warum auch immer – ihre Augen versprechen Wärme und Tiefe , ihre Sinnlichkeit
Leidenschaft und Hingabe .
Mit ihr gemeinsam zu versinken,
abzutauchen im Strudel gemeinsam sich-fallen-lassens…“
„Bitte es sind Kinder anwesend!“,
Mr. White hielt dem Jungen die Ohren zu, der sich dagegen leidenschafltich
sträubte.
„Whatever. Ihr kennt das ja sowieso“,
und nach einer kurzen Pause fügte er endlich hinzu :
„Ich glaub ich bin verliebt.“
„Na endlich , DAS war aber eine
schwere Geburt“, das Feuer streckte sich, und schien einen Moment lang die
Balance zu verlieren. Ein kleiner stoß hätte gereicht – aber Pustekuchen, es
war alles nur gespielt, gekonnt schwang es nun das rechte Bein zurück in die
Küche und dreht sich, den Rücken zum Abgrund, in den Raum hinein.
Mr. White und der Mann im schwarzen
Anzug waren sich selten einig, aber ihr „Und nun?“ kamen unisono wie aus einem Mund. Diese
Gelegenheit nutzte der Junge, um die lästigen Hände von seinen Ohren zu
befreien und streckte Mr. White inbrünstig die Zunge heraus.
Dann lächelte er, und strahlte ihn
an.
Nun kam Bewegung in die Runde.
Nicht durch die ohnehin schon in der Küche versammelten Gäste, die gebannt auf ihn
starrten, nicht durch ihn, der weder wusste, es er sagen wollte, noch was er
sagen sollte, nein: es war die Küchentür, die sich öffnete und die Gesellschaft
mehr oder minder freiwillig dazu brachte, sich neu zu sortieren. Arthur stand
in der Tür, in voller Rüstung. Und das bedeutete, er brauchte Platz.
„ Ich habe im geraten, ihr von uns
zu erzählen!“
Ein paar Funken flogen, als ob das
Feuer ihm einen kleinen Flammenstrahl über die Rüstung schickte.
„Arthur, nein! Du hast ein
dämliches Timing, und du hättest das vorher mit uns abstimmen müssen !
Und kannst du nicht einmal ohne
diese Drecksrüstung auftauchen?
Du bist schon schwerfällig und lästig
genug …
Und auf ging´s! Jeder hatte seine
eigene Meinung, was zu tun sei. Was zu vermeiden. Was die beste Lösung wäre,
was bevor stünde, wie man auf was zu reagieren hatte, wie was einzuschätzen sei.
Irgendwann musste er aufs Klo,
zuviel Kaffee.
Er zwängte sich durch die viel zu
überfüllte Küche. Am Mann mit dem
schwarzen Anzug vorbei, der längst seinen Kaffee leer getrunken hatte, sich
aber an seiner Tasse klammerte. Vorbei am sich in Rage redenden Mr. White,
predigend und flehend. Am sehr launischen kleinen Jungen, der immer wieder
unschlüssig vom einen zum anderen blickte und sich nicht entscheiden konnte,
was er denn nun dachte und wollte, und stets auf der Suche nach dem , der das
zweite Frühstücksein am meisten an seinem Kopf verdient hätte. Am Feuer, das
wahrlich flammende Appelle hielt, und seinen Weg für den einzig spannenden und
reizvollen hielt. Und an Arthur, der sie alle in der Küche band, an ihm würde
niemand vorbeikommen. Außer ihm natürlich, denn er , da er sich nicht selbst am
Streit beteiligte, weil er noch gar keine Meinung hatte, und keine Vorstellung
davon, wie es weitergehen sollte, schien völlig unsichtbar zu sein für den
Ritter in diesem Moment.
Nach dem Toilettengang fühlte er
sich erleichtert. Überhaupt war er gerade sehr erleichtert und irgendwie
befreit von allem . Seine Gäste waren viel zu vertieft im Abwägen der Optionen,
im Streit um Konsequenzen und Verhaltensweisen, um sein Verschwinden überhaupt
zu bemerken. Und so legte er sich noch einmal ins Bett.
Der Schlaf zwischen 9 und 11 Uhr
ist – das ist eine allgemeinanerkannte Tatsache – schließlich der erholsamste.
Und es ist die perfekte Zeit um zu
träumen.
30.09.2009
@Lilly Lime
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