Viele der Dinge, die wir Tag für Tag auszuarbeiten bemüht sind, für und um die wir immer wieder bemüht sind zu kämpfen, die uns Kraft abringen , uns in einen unwohlen Zustand versetzen, und uns doch aber auch so absolut notwendig erscheinen, sind doch nur Auswüchse unserer Gewohnheit, wenn man es einmal recht betrachtet.
Nehmen wir doch einmal das Beispiel Kaffee. Jeder erachtet es als Teil seines Mittagessens, am Ende einen Kaffee, einen Espresso, oder einen Cappuccino zu bestellen - jedoch nur, wenn man sich selbst außer Haus befindet, und diesen bestellen kann, zu Hause macht sich doch fast niemand die (unnötige) Arbeit. Man hetzt sich ab, stellt sich in die Schlange, winkt panisch dem Kellner, ordert hektisch, wartet ungeduldig, nur um anschließend das heiße Getränk hinunter zu stürzen, und sich dabei die Zunge zu verbrennen. Wozu das ganze? Den meisten Menschen schmeckt ihr erster Kaffee nicht einmal, unser Urin stinkt nach Kaffee, unser Körper trocknet aus, wir hecheln in der nächsten kurzen Pause zum Kaffeeautomaten, schließen uns an, sobald ein anderer das besagte Stichwort fallen lässt - ja eigentlich gehen wir doch nur mit, weil alle anderen es tun, stürzen unseren Kaffee im Rudel hinunter, finden Kaffee gut, weil alle anderen ihn gut finden ... Ja eigentlich ist der ganze Kaffeekonsum doch nur ein rein gesellschaftliches Phänomen - Jeder trinkt ihn, doch wer findet ihn wirklich gut? Ja wer?
Die Büroangestellten, Studenten, Erzieher, Hausfrauen, Professoren, Frauenrechtsverfechter, Kassierer, Zeitungs- und Maronenverkäufer, der Chef, der Arbeitslose, der Taugenichts, Fahrradhändler, Versicherungsvertreter, Rechtsanwälte, ... ja selbst der Schriftsteller trinkt einen Cappuccino, während er in seinem Stammcafé vor sich hin tippt. - Bah!
Lächelnd löst Phia die Hände von der Tastatur ihres Notebooks [um ihre Umgebung zu betrachten/ abwesend ihre Umgebung betrachtend]. Ihre Knallroten Haare schimmern/ leuchten im Sonnenlicht.
Würde es morgen anders sein? Würde es anders sein, als es jemals gewesen war?
Flüstern ihr leise die Illusionen in ihrem Hinterkopf zu.
Seufzend schreibt sie weiter.
Doch während sie weiterschreibt, driften ihre Gedanken doch eigentlich zu Leila(??) [Lilli] und den Zauberern zurück. (??)
Ich kannte einmal ein Café, es lag an der Küste, hoch oben auf den Klippen. Und an lauen Tagen wehte ein Westwind durch jenes kleine, verschlafene Dorf. Verschlafen? Nein so verschlafen e´war es dann eigentlich doch nicht, wenn man bedenkt, dass dort einst Zauberer lebten, ein ganzes Geschlecht. Aber Pschhht! Ich weiß schon, heute spricht man nicht mehr darüber, heute ist das Zaubern tabu, und keiner glaubt mehr daran. Will man sich selber zum Narren machen, so ist das sicher die beste Möglichkeit, zu einem Einfaltspinsel. Und so sind manche Zauberer heute zu Einfaltspinseln geworden, indem sie unter den Gauklern leben, und merkwürdige Kunststücke aufführen, scheinbare Tricks. - Denn wer würde noch glauben, dass sich dahinter richtige Zauberei verbirgt. - Und so ziehen sie unerkannt durch die Lande, jahrelang, immer auf der Suche/ Ausschau nach anderen Zauberern, verborgenen Talenten. Andere leben ganz zurückgezogen, als Einsiedler, oder versteckt in kleinen, entlegenen Dörfern, in denen ihre Familien schon so lange gelebt haben, dass selbst sie sich nicht mehr daran erinnern können. Und dort warten sie, und bewahren die alten Kenntnisse, dort bilden sie ihre neuen Rekruten aus, dort sammeln sie sich, um die Zauberei von neuem über die Welt zu verbreiten, bald, bald schon ... von dort schicken sie sie von neuem aus, jenen, die sie gelehrt haben.
Doch nein, dies ist alles nur ein Traum. - Denn wie könnte es uns auch jemals gelingen, diese ganze Welt für unser Projekt zu gewinnen. ... (Ich zweifle, und doch sollte ich nicht zweifeln; ich strauchle, doch nein, ich werde sie nicht enttäuschen. ...)
Denn ja, ich bin eine von jenen, die gefunden, gelehrt und wieder ausgesandt wurden, ich war dort, bei Leila und den anderen, in jenem Dorf an der Küste, das sie heute Rosenthal (???) [ ] nennen, in jenem Café, hoch oben auf den Klippen, wo nun ewig der Westwind weht, her von den alten Zaubererinseln. Ich bin eine von jener neuen Zauberergeneration.
Und bald schon werde ich dorthin zurückkehren, bald. Denn die Sehnsucht hat mich immer wieder gefasst, und so liege ich oft Nächte lang wach und erinnere mich, lausche in die Nacht hinaus, in der Hoffnung ihre Stimmen zu hören/ zu vernehmen, verzehre mich in Sehnsucht ... Und so warte ich noch immer auf ihren Ruf. - Denn ich weiß, weiß, dass sie mich zurückrufen werden, und mir eine neue Aufgabe zuteilen. ...
Phia seufzt. In Gedanken sieht sie das kleine Dorf vor sich. Die hellen staubgesäumten Wege, und der steile Pfad, hinauf zu Rosas Eisdiele. Dort, das alte, windschiefe Haus, mit dem zugigen Schornstein und den undichten Fenster, überwuchert von Efeu. Wie aus einem Märchen. Gegenüber, das neu erbaute Café, Knotenpunkt aller Aktivitäten, Leilas Heim, Leilas Eiscafé. Und davor ..., davor die bunt lackierten Stühle an den kleinen runden Metalltischchen, wie man sie in jedem europäischen Café sehen kann, jene Stühle, auf denen auch Phia einst gesessen hatte, an jenen Abenden, wenn der Westwind lau von der Küste herein strich. Jene Stühle mussten bereits zu Rosas Zeit dort so gestanden haben.
Phia lächelt leise. Dann reißt sie sich gewaltsam los von den kostbaren Erinnerungen. Sie hatte Aufgaben, die darauf warteten von ihr erledigt zu werden. - Wo war sie? Ach ja, beim Kaffee. Unwillkürlich muss sie schmunzeln.
Behutsam drückt Phia die Rückwärts-Taste und beobachtet, wie die Buchstaben sich immer schneller vor ihrem Auge aufzulösen beginnen. Bis schließlich nichts mehr von ihren Abschweifungen übrig bleibt. Noch einmal liest sie den letzten Satz. - ... ja selbst der Schriftsteller trinkt einen Cappuccino, während er in seinem Stammcafé vor sich hin tippt. -
Ja. Ein bitteres Lächeln huscht über ihr Gesicht. Das war der Preis, wenn man im geheimen arbeiten musste - man konnte sich solche Ausrutscher nicht leisten.
Müde fährt sich Phia mit der Hand durch die Haare, im vergeblichen Versuch, die roten Stoppeln etwas zu glätten. Wie sollte sie den Artikel weiterschreiben? Bereits morgen würde sie ihn dem Chef einreichen müssen. Beunruhigt steht sie auf und klappert in Richtung Kaffeemaschine davon. - Erst einmal etwas für die Nerven, dann würde sie weiter sehn. - Diese meldet sich auf Knopfdruck mit einem energischen Brummen. Während aufgeschäumtes Pulver und heißes Wasser in den schmalen Plastikbecher zu laufen beginnen, mustert Phia kritisch die verschwommene Realität hinter der riesigen (?) Fensterfront. Blau, gläsern, abstrakt. Genau wie ihr Leben. Abgehoben, zehn Stockwerke über der Erde, eine ebensolche Fensterfront auf der anderen, nur knappe fünf Meter entfernt. Dazwischen eine schmale Straßenschlucht, nur für jenen erahnbar, der sich daran erinnerte/ zu erinnern vermochte/ vermag. Dies alles ist in bläuliches Licht und gläserne Kälte getaucht; abstrakt. - Kein Platz mehr für behagliche Sonnenstrahlen auf kleinen Cafétischen, oder Spaziergängen auf dem spärlichen Gras einer Klippe. - Schießt es Phia plötzlich durch den Kopf. Nur der Wind war genauso kalt und scharf hier oben. Unwillkürlich fröstelt sie. ...
Mit ihrem randvollen Kaffeebecher schlurft sie beunruhigt(?)/missmutig(?) zu ihrem Platz zurück. Au! Durch das dünne Plastik hindurch hatte sie sich die Finger verbrannt. Verärgert lässt sie den Becher fallen, nur um noch eine Woge Kaffee auf ihre frischen Skripte schwappen zu sehen. Wie hypnotisiert starrt sie auf die braunen, sich ausbreitenden Flecken, unfähig diese aufzuhalten.
Dann schüttelt sie den Kopf und reißt sich jäh aus der/ ihrer Erstarrung. Schnell versucht sie die verräterischen Flecken mit ihrem Ärmel aufzusaugen, während sie gleichzeitig ängstlich zu den anderen Tischen hinschielt. Doch dort scheint niemand ihr Maleur bemerkt zu haben. Puh! Erleichtert wischt sie sich den Stress-Schweiß von der Stirn, nur um dann zu bemerken, dass sie soeben mit dem selben Ärmel den Kaffee aufgewischt hatte, und diesen nun auf ihrer Stirn verteilte. Angewidert (eine Grimasse schneidend,) lässt sie den Arm sinken. Noch einmal ein schneller Blick zu den Kollegen. Dann befördert sie vorsichtig den braun-matschigen Papierstapel hinter dem Rücken ihrer Kollegen in den Abfalleimer, und drückt noch einmal das Druck-Icon in den jeweiligen Dokumenten. Mit einem leisen Surren spuckt der Drucker das frische Papier aus. Aufatmend lehnt sich Phia zurück. Sie würde heute früher Heim gehen/Schluss machen, das stand fest/ außer Frage.
Mit einem leisen Klick schließen sich die Aufzugtüren, noch bevor sie sich vollends umgewandt hat. Kritisch mustert sie ihr blasses Selbst in der verspiegelten Rückwand. Viel zu grellrotes Haar. Hohe Wangenknochen. Schmale Lippen in einem blassen Gesicht. Dahinter, der nietengesäumte Rand ihrer Kapuze, wie ein Heiligenschein aufragend. Fröstelnd zieht sie ihre Jacke /den dünnen Schal(??) enger um sich. Draußen würde es ebenso kalt sein, wie zehn Stockwerke höher.
Ein leiser Gong ertönt. Dann öffnen sich die Aufzugtüren mit einem fast unmerklichen Klicken. Vor ihr dehnt sich die menschenleere Straße ins Unendliche aus. Einen Moment nur zögert sie, dann stöckelt sie los, das leise Klack-klack-klack ihrer Absätze (tausendfach verstärkt??) von den Hochhausschluchten/-wänden(?) widerhallend.
Ein eleganter, silberfarbener Wagen biegt hinter ihr um die Ecke, fährt langsam an ihr vorbei. Doch auch er gibt fast kein Geräusch von sich, in jenem unwirklichen Zustand des Hochhausviertels - fast wie eine irreale Zwischenwelt. Abstrakt. Fährt es ihr unwillkürlich durch den Kopf. - Jetzt war es hier totenstill, doch in ein paar Stunden, wenn die großen Büros schlossen, würde hier die Hölle los sein.
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