Weit entfernt, in jenem anderen Dorf, leergefegt vom heißen Sommerwind, schlendert eine alte
Frau über die harten Stoppeln kurz gemähten Grases. Sie schlenkert leicht mit den Beinen, summt
vor sich hin, blickt nach links und rechts … . Ihr Schultertuch hängt ihr lose von den Armen, ihr
langer Rocksaum verfängt sich an einem Grasbüschel, spannt sich bis ins Unermessliche, reißt
sich wieder los, schleift über die Erde, trockene, ausgedörrte Erdkrumen einsammelnd. Ein
leuchtend blauer Baumwollrock und ein grobes weißes Wolltuch, aus der eigenen Herde
geschoren. Leila lächelt leise, als ihre Hände über die vertrockneten Blüten halbhoher
Sonnenblumen streicheln. Liebevoll umfassen ihre knorrigen Finger die großen Samenteller,
berühren die einzelnen Blütenblätter.
Sinnend blickt sie in die Ferne. Ein lauer Seewind flaut auf, streicht kühlend über ihr erhitztes
Gesicht. Dankbar blickt sie auf, schaut in Richting des Klippenkamms, noch jenseits ihres Gartens,
am äußersten Ausläufer des Anwesens. Denn ein ganzen Anwesen war es wohl geworden, in den
letzten 150 Jahren. Wieder blickt sie sinnend ins Leere, erinnert sich. … Dann wendet sie sich jäh
ab, reißt den Blick von den Klippen, und den, dahinter nichtmehr erkennbaren Zaubererinseln.
Schlendernd geht sie weiter, langsam auf das Haus zu. Das alte Haus – wie alt war es wohl
wirklich? Selbst sie hätte es nicht zu sagen gewusst. Doch wäre es eine Farbe gewesen, so wäre
diese grün gewesen; wäre es ein Baum, so wäre er groß gewesen; wäre es aus Stein, so wäre es
ein Berg gewesen; jene bizarre Struktur eines Hauses, dort oben auf dem Kliff, geduldig auf die
Rückkehr seiner Herrin wartend. Unwillkürlich muss sie lächeln. So lange hatte es sie nun schon
geborgen, so lange hatte sie als Kind an diesem Ort gelebt, und der Mutter beim Bedienen
geholfen; Rosas Eisdiele, ja ... . Unwillkürlich verspürte sie ein leichtes Prickeln auf der Netzhaut.
Schnell schließt sie die Augen, atmet einmal tief durch. Dann geht sie weiter.
Unmittelbar vor dem Haus bleibt sie stehen, die Hand auf einen Baumstamm gelegt. Vor ihr erhebt
sich die Fensterfront des Wohnhauses, die Schlafzimmer zum Garten hinaus. In manchen kann sie
schmale Gesichter erkennen, einige davon sehr jung, manche älter, keines so alt wie sie,
Novizinnen. Dies hatte sie geschaffen, sie und Tina. Unwillkürlich zuckt ein scharfer Schmerz
durch ihre Erinnerung – Tina - . Doch sie schiebt ihn bei Seite. Und auch sie hatte hier einmal
gewohnt, genau dort war ihr altes Zimmerfenster, dem alten Windschiefen Baum genau
gegenüber. Der Sturm mochte ihn gefällt haben, doch der Baum gab nicht auf, und ließ neues
Grün in einem wirren Wuchern aus der alten Borke entspringen. Sein Stamm mochte zu breit
geworden sein, um ihn alleine zu umfassen, seine Blätter nur einen knappen Meter über dem
Boden, doch für Leila war dies noch immer jener Baum von damals, graziel und schlank, neckisch
sich im Seewind wiegend. Mit halb geschlossenen Augen sieht sie auf, ein seeliges Lächeln auf
den Lippen, und über ihr erhebt sich jene mächtige Krone grünen Laubes, als hätte sie nie einen
schlechterer Tag gesehen. Ja hier, genau hier steht sie nun, an jenem Baum, auf dem Tina oft so
unbemerkt gesessen und sie in ihrem Zimmer belauert hatte, damals, als junge Mädchen von nicht
mehr als 15 Jahren. Unwillkürlich muss sie kichern, fühlt sich zurückgerissen in jene alte Zeit, als
sie Tina unerwartet vom Baum herunter gezogen hatte, deren ungläubiges Gesicht, ...
Sie spürt eine leise Berührung am Arm, für einen Moment nur glaubt sie, es sei Tina, doch Tina ist
tot. Widerwillig öffnet sie die Augen. Neben ihr steht die alte Truhle, ihre treue Geführtin, mit einem
gutmütigen Lächeln auf dem Gesicht, und da, ein schelmisches Glimmern in den Augen. ...
Unwillkürlich schüttelt sich Leila. Zurück in die Gegenwart.
Na?, neckt Truhle sie, immernoch mit einem gutmütigen Lächeln, Gut geschlafen? Wir dachten
schon, du würdest dich überhaupt nichtmehr bewegen. Schnell späht Leila zu den Fenstern
hinüber, zu jenen blassen Gesichtern dahinter. Unwillkürlich muss auch sie schmunzeln.
Ich hatte einen Traum, erzählt sie ihrer alten Vertrauten, letzte Nacht. Truhle lächelt nur. (Dann
nimmt sie Leila beim Arm und geht mit ihr langsam in Richtung des Eiscafés.)
copyright Lilly Lime
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