Tuesday, May 17, 2022

leila1-sonnenblumen.baum

Weit entfernt, in jenem anderen Dorf, leergefegt vom heißen Sommerwind, schlendert eine alte

Frau über die harten Stoppeln kurz gemähten Grases. Sie schlenkert leicht mit den Beinen, summt

vor sich hin, blickt nach links und rechts … . Ihr Schultertuch hängt ihr lose von den Armen, ihr

langer Rocksaum verfängt sich an einem Grasbüschel, spannt sich bis ins Unermessliche, reißt

sich wieder los, schleift über die Erde, trockene, ausgedörrte Erdkrumen einsammelnd. Ein

leuchtend blauer Baumwollrock und ein grobes weißes Wolltuch, aus der eigenen Herde

geschoren. Leila lächelt leise, als ihre Hände über die vertrockneten Blüten halbhoher

Sonnenblumen streicheln. Liebevoll umfassen ihre knorrigen Finger die großen Samenteller,

berühren die einzelnen Blütenblätter.

Sinnend blickt sie in die Ferne. Ein lauer Seewind flaut auf, streicht kühlend über ihr erhitztes

Gesicht. Dankbar blickt sie auf, schaut in Richting des Klippenkamms, noch jenseits ihres Gartens,

am äußersten Ausläufer des Anwesens. Denn ein ganzen Anwesen war es wohl geworden, in den

letzten 150 Jahren. Wieder blickt sie sinnend ins Leere, erinnert sich. … Dann wendet sie sich jäh

ab, reißt den Blick von den Klippen, und den, dahinter nichtmehr erkennbaren Zaubererinseln.

Schlendernd geht sie weiter, langsam auf das Haus zu. Das alte Haus – wie alt war es wohl

wirklich? Selbst sie hätte es nicht zu sagen gewusst. Doch wäre es eine Farbe gewesen, so wäre

diese grün gewesen; wäre es ein Baum, so wäre er groß gewesen; wäre es aus Stein, so wäre es

ein Berg gewesen; jene bizarre Struktur eines Hauses, dort oben auf dem Kliff, geduldig auf die

Rückkehr seiner Herrin wartend. Unwillkürlich muss sie lächeln. So lange hatte es sie nun schon

geborgen, so lange hatte sie als Kind an diesem Ort gelebt, und der Mutter beim Bedienen

geholfen; Rosas Eisdiele, ja ... . Unwillkürlich verspürte sie ein leichtes Prickeln auf der Netzhaut.

Schnell schließt sie die Augen, atmet einmal tief durch. Dann geht sie weiter.

Unmittelbar vor dem Haus bleibt sie stehen, die Hand auf einen Baumstamm gelegt. Vor ihr erhebt

sich die Fensterfront des Wohnhauses, die Schlafzimmer zum Garten hinaus. In manchen kann sie

schmale Gesichter erkennen, einige davon sehr jung, manche älter, keines so alt wie sie,

Novizinnen. Dies hatte sie geschaffen, sie und Tina. Unwillkürlich zuckt ein scharfer Schmerz

durch ihre Erinnerung – Tina - . Doch sie schiebt ihn bei Seite. Und auch sie hatte hier einmal

gewohnt, genau dort war ihr altes Zimmerfenster, dem alten Windschiefen Baum genau

gegenüber. Der Sturm mochte ihn gefällt haben, doch der Baum gab nicht auf, und ließ neues

Grün in einem wirren Wuchern aus der alten Borke entspringen. Sein Stamm mochte zu breit

geworden sein, um ihn alleine zu umfassen, seine Blätter nur einen knappen Meter über dem

Boden, doch für Leila war dies noch immer jener Baum von damals, graziel und schlank, neckisch

sich im Seewind wiegend. Mit halb geschlossenen Augen sieht sie auf, ein seeliges Lächeln auf

den Lippen, und über ihr erhebt sich jene mächtige Krone grünen Laubes, als hätte sie nie einen

schlechterer Tag gesehen. Ja hier, genau hier steht sie nun, an jenem Baum, auf dem Tina oft so

unbemerkt gesessen und sie in ihrem Zimmer belauert hatte, damals, als junge Mädchen von nicht

mehr als 15 Jahren. Unwillkürlich muss sie kichern, fühlt sich zurückgerissen in jene alte Zeit, als

sie Tina unerwartet vom Baum herunter gezogen hatte, deren ungläubiges Gesicht, ...

Sie spürt eine leise Berührung am Arm, für einen Moment nur glaubt sie, es sei Tina, doch Tina ist

tot. Widerwillig öffnet sie die Augen. Neben ihr steht die alte Truhle, ihre treue Geführtin, mit einem

gutmütigen Lächeln auf dem Gesicht, und da, ein schelmisches Glimmern in den Augen. ...

Unwillkürlich schüttelt sich Leila. Zurück in die Gegenwart.

Na?, neckt Truhle sie, immernoch mit einem gutmütigen Lächeln, Gut geschlafen? Wir dachten

schon, du würdest dich überhaupt nichtmehr bewegen. Schnell späht Leila zu den Fenstern

hinüber, zu jenen blassen Gesichtern dahinter. Unwillkürlich muss auch sie schmunzeln.

Ich hatte einen Traum, erzählt sie ihrer alten Vertrauten, letzte Nacht. Truhle lächelt nur. (Dann

nimmt sie Leila beim Arm und geht mit ihr langsam in Richtung des Eiscafés.)


copyright Lilly Lime

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