Sunday, January 15, 2023

Jenseits der Mauer

 






Jenseits der Mauer 


                    von Lilly Y. L.  








Prolog 

  – nach einem alten Volksmärchen aus Sarahmau 


In einer Welt, in der die Märchen noch jung waren und die Flüsse aus Gold, in der Gut und Böse klar definiert waren und die Herzen der Menschen schön und edel, da lebte in der Stadt Sarahmau ein edler Fürst. Er war ein guter Herrscher, voller Güte und Weisheit. Sein Volk liebte ihn, niemand litt Hunger und alle waren glücklich. Dieser Herrscher hatte eine Frau, die er mehr liebte als alles andere auf der Welt; er hätte sie auf seinen Händen bis ans andere Ende der bekannten Welt getragen, bis nach Kum-Kum-Nah, den Ort an der Weltkante, wäre es nötig gewesen; er hätte ihr sein ganzes Leben zu Füßen gelegt für ein einziges Lächeln in ihren Augen … Doch diese blieben kalt. Diese Frau hieß Sarah. 

Nun geschah es aber, dass in jener Welt nicht nur gute Menschen lebten, sondern auch jene schlecht an Charakter und Herz. Und so geschah es auch, dass es genügend Hexen gab, finstere und zwielichtige Gestalten. Sarah war eine von ihnen. 

Durch ihr Herz floss kein einziger Tropfen warmes Blut, nur kaltes, grünes. 

    Es missfiel ihr, dass die Menschen in Sarahmau so glücklich sein sollten. Sie wollte sie leiden sehen. <Dies ist meine Stadt, an Geburt und Name, und ihr sollt mir gehorchen. Mein Wille sei euch Befehl, mein Wunsch euer Todesurteil.> 

So sprach sie (für sich) und schritt durch die Straßen, Staub hernieder streuend. <Die-ser Staub sei euer Unglück bis ans Ende eurer Tage und kein Wind möge ihn fortwehen. Dass er nur auf immer in den Straßen von Sarahmau umherweht.> 

Als sie nun so gesprochen hatte und aller Staub auf den Straßen verstreut war, da hob ein leichter Wind an zu wehen, der fortan nie mehr verging. Die Menschen wurden trauri-ger, sprachen weniger und gingen nur selten noch in den Straßen spazieren. Sie vergaßen ihre alten Lieder, arbeiteten härter, wurden grimmiger. Es mochte die Sonne scheinen, Gottes ganze Welt um sie herum lachen und auf den Straßen der Staub wirbeln, doch sie lachten nicht ein einziges Lächeln. Auch der Fürst wurde bedrückt, er wusste mit sich und seinem Reich nichts mehr anzufangen. Die Traurigkeit seines Volkes gleichwohl verwirrte und beunruhigte ihn. Doch den Grund begriff er nicht. Und auch das Volk mochte ihn nicht erahnen. Es hatte wohl bemerkt, dass mehr Staub auf den Straßen lag, und auch den immerwährenden Wind wahrgenommen, sah jedoch nicht den Zusammenhang. Sie versuchten ihn beiseite zu kehren, doch was sie auch taten, der Staub blieb immer in der Stadt. Und so auch die Traurigkeit. Die Fürstin freute sich über das Unglück des Volks, und auch an der Verwirrtheit ihres Mannes hatte sie ihren Spaß. Mit der Zeit verlor sie jedoch die Freude daran und wandelte weniger durch die Straßen. Stattdessen lebte sie sehr zurückgezogen. 

Eines Tages jedoch befiel sie eine schwere Krankheit. Auf dem Sterbebett gestand sie ihrem Mann, was sie getan hatte. Er konnte ihr nicht glauben, dass sie Schuld an all dem Leid tragen sollte. Und auch, dass sie ihm ins Totenreich voraus geeilt war, wollte er nicht begreifen. Vor Kummer und Verzweiflung halb wahnsinnig schloss er sich in sein Turmzimmer ein und starb. 

Nun kam es, dass der Bruder der Fürstin vom Tod seiner Schwester und deren Gemahl hörte. Er kam nach Sarahmau und nahm den Platz der fehlenden Herrscher ein. Sein Mantel wehte im Morgenwind hinter ihm, wie 7 wilde Drachenköpfe. Er kam nach Sarah-mau um die Dinge neu zu ordnen. Er versprach ihnen Glück und Reichtum so viel sie woll-ten, wenn sie nur seinen Ratschlägen folgten. Er gestaltete eine neue Ordnung mit neuen Regeln, und keiner durfte die Stadt mehr ohne seine Erlaubnis verlassen. Den Menschen gab er wohl auch ihr Glück, doch alles innerhalb seiner Ordnung und so hatte ein jeder auch seine Ängste. 

Sie glaubten sich wohl glücklich – doch wie … Denn es gibt viele Arten von Glück und der Schwarze Drache der 7 Köpfe wachte immer über sie. 











1. Kapitel 




Als ich in der Früh aufwachte, blieben meine Augen zunächst noch ein bisschen geschlos-sen. Mich fröstelte. Ein rauer Wind wehte durch die Straßen und zog an meiner Decke. Hustend richtete ich mich auf. Wie jeden Tag rieb ich mir mühsam den Staub aus den Augen, nur um noch eine Ladung Dreck ins Gesicht gewirbelt zu bekommen. Keiner von uns hatte je herausgefunden, woher all der Staub kam, obwohl doch täglich gekehrt wurde. Längst kümmerte es keinen mehr, und die einzigen, die sich noch ärgerten, waren wir Straßenkinder. 

Wir hatten kein Zuhause und niemanden, der sich um uns kümmerte. Wir gehörten dem Staat. Mit nichts als einer alten Decke um uns gewickelt und einer Tasche Habseligkeiten als Kopfkissen verbrachten wir die Nacht auf den Straßen unter dem Sternenhimmel. Im Sommer war das kein Problem, aber im Winter konnte es bitterkalt werden. Oft ver-brachten wir dann die Nacht in Notunterkünfte gepfercht, eng aneinander gedrängt. 

Schliefen wir draußen, so weckte uns in der Früh der Wind. Wir entsandeten unsere ver-krusteten Augen, klopften den Staub aus den Decken und machten uns auf den Weg zu einer der Suppenküchen. Es gab nicht viele und wir mussten meist lange anstehen oder auf unser Essen warten. Deshalb war es wichtig schon früh aufzustehn. Hatten wir ge-gessen, so machten wir uns auf den Weg zur Schule, denn auch wir mussten zur Schule gehn. Dafür sorgte der Staat. Wir waren meist nur zu begierig etwas zu lernen. Denn nur wer eine gute Ausbildung hatte, würde später einen guten Beruf erhalten; und nur wer fleißig lernte, erhielt eine gute Ausbildung. 

Nachmittags versuchten wir mit kleineren Arbeiten ein wenig Geld zu verdienen und am Abend machten wir unsere Hausaufgaben. Wenn es zu dämmern begann, wurde es schließ-lich wieder Zeit sich auf die Füße zu machen. Wir tollten in kleineren und größeren Grup-pen durch die Straßen der Stadt. Es war die Stunde der grauen Schatten. Denn wir tru-gen alle graue Gewänder. War die Nacht erst einmal hereingebrochen und die Sterne zogen herauf, so hatten auch die übrigen Bewohner sich in ihre Häuser zurückgezogen. Die Stadt gehörte nun uns. Wir suchten uns Winkel und Nischen, in denen wir die Nacht verbringen konnten und wickelten uns in unsere Decken. Alleine oder zu mehreren. So war der Sternenhimmel die Decke unseres Schlafsaals. 

Es war gewiss kein schlechtes Leben. Wir hatten unsere Freiheiten, litten keinen Hunger und bekamen unsere Bildung. Denn der Staat sorgte für uns. Was hätten wir noch mehr gebraucht? Und so waren wir glücklich wie alle in der Stadt. Denn Sarahmau hatte gute und edle Herrscher. 


Ich stand auf und packte meine Decke ein. Dann ging ich los um mein Essen zu holen. Ich ging langsam. Außer mir war noch niemand unterwegs. Eine streunende Katze lief mir über den Weg und irgendwo in einem Abwasserkanal raschelten ein paar Ratten. Ich pfiff lei-se. Das Rascheln hörte kurz auf, nur um gleich darauf wieder erneut einzusetzen. Lang-sam ging ich weiter. Meine Umhängetasche schlenkerte leicht gegen meine Beine. Was sollte ich nun tun? In der Küche war möglicherweise noch niemand da. Ich ging immer noch weiter, ziellos durch die Straßen. Am Boden lag ein Stück zusammengefaltetes Pa-pier, leicht vom Wind dahingetrieben. Ich hob es auf und steckte es ein. Ich würde es als Schreibpapier brauchen können. Aus einem Fenster hörte ich leise Stimmen. Ich war wohl doch nicht die Einzige, die so früh schon wach war. 


Später vor der Suppenküche traf ich die anderen. Sie standen in einem Haufen zusammen und redeten aufgeregt aufeinander ein. Mia kam zu mir. <Hast du schon gehört? Jemand hat wichtige Papiere aus der Stadtverwaltung gestohlen!> <Aber wer täte denn so was?>, fragte ich verwirrt. Die anderen konnten es ebenso wenig glauben. 

Wir aßen unser Frühstück und gingen zur Schule. Überall herrschte helle Aufregung über die gestohlenen Papiere. Wir erfuhren, dass jeder durchsucht wurde, der die Stadt verließ. – Nicht, dass das so einfach wäre, man brauchte ohnehin eine Ausreiseerlaubnis und einen guten Grund, um die Stadt zu verlassen. Händler waren die einzigen, die kamen und gingen. – Es schien, dass gerade eine Diskussion statt fand, ob auch die Stadt durch-sucht werden sollte. Oder jedenfalls lauteten die Gerüchte so. 

Auch im Unterricht fanden wir an diesem Tag keine Ruhe. Die wildesten Spekulationen wurden angestellt, wer die Papiere gestohlen hatte; jeder hatte Fragen, und alle wollten Antworten. Genervt versuchten die Lehrer uns zur Vernunft zu bringen und mit dem Unterricht fortzufahren. 

So kehrte schließlich etwas Ruhe ein und die Lehrer atmeten auf. Das Chaos hatte bis zur dritten Stunde gedauert. In der vierten hatten wir Geschichte. Der Lehrer erklärte uns gerade wie die ersten Herrscher Sarahmaus aus dem wilden, undisziplinierten Haufen, der einst in der Stadt gelebt hatte, eine neue Ordnung geschaffen hatten. Da klopfte es. Ein traten der Direktor und zwei Männer in schwarz. Sie waren vom Untersuchungsaus-schuss. Der Direktor räusperte sich. <Es besteht der Verdacht, einer von unseren Schülern oder Schülerinnen könne die Papiere gestohlen haben, oder doch zumindest in ihren Diebstahl verwickelt sein. Diese beiden Herren werden euch durchsehen. Leert eure Taschen. Eure Kleidung wird ebenfalls abgeklopft>. 

Es gab allgemeines Gemurre, doch wir taten wie uns geheißen. Reihe um Reihe gingen sie durch ohne etwas zu finden. Ihr Gesichtsausdruck wurde immer mürrischer und generv-ter. Wie viele Klassen hatten sie wohl schon so durchsucht ohne etwas zu finden … . Ich saß in einer der hinteren Reihen. Schließlich kamen sie auch an meinen Tisch. Ich leerte meine Tasche, viel war ohnehin nicht drin. Dabei kam auch wieder das Papier zum Vor-schein, das ich am Morgen aufgehoben hatte. Ich hatte es ganz vergessen. Einer der Männer griff danach. Er faltete es auf und las es. Schlagartig verfinsterte sich sein Gesicht, aber es hatte auch etwas von einem triumphalen Glühen an sich. Ich hatte das Papier nicht gelesen, was mochte wohl darin stehn. In der Klasse waren alle Blicke auf mich gerichtet, wie ich so hinter meinem Tisch stand, die beiden Männer mir gegenüber. Die Klasse wartete gespannt. 

Der Mann, der das Papier gelesen hatte, zeigte es seinem Kollegen. Dieser nickte grim-mig, dann hob er das Papier in die Höhe. <Hier ist die Diebin.> Ich erschrak. 










Zwischenstück 



Wer in Sarahmau etwas Ernsthaftes ausgefressen hatte, der musste mit Verbannung rechnen. Erwachsene wurden in den großen Bergen ausgesetzt, weit, weit oben, Meilen entfernt, dass sie ihren Weg nicht nach Karamak finden konnten. Doch darüber wurde nicht oft gesprochen, und vieles von dem, was ich wusste, hatte ich aus gemurmelten Gesprächsfetzen zusammengesetzt. 

Kinder kamen nach Jenseits der Mauer. 

Jenseits der Mauer – wer hätte diesen Namen nicht gekannt, Drohmittel von Eltern und Lehrmeistern. 

Wer nach Jenseits der Mauer verbannt wurde, kehrte niemals zurück. Jener Ort lag auf den Felsen nordöstlich der Stadt, die einzige Stelle an der keine Türme standen. Denn wir brauchten keine; über das Wasser und die Felsen würden sowieso keine Feinde kom-men. Auf der einen Seite der Felsen war die Mauer, auf der anderen Wasser. Nur am nördlichsten Punkt konnte man die Felsen verlassen; doch zu welchem Zweck. Denn wohin hätte man in der weiten Ebene schon gehen sollen, und in Sarahmau würde niemand einem Kind von Jenseits der Mauer Unterschlupf gewähren. (…) 

Wer nach Jenseits der Mauer verbannt wurde, verließ die Felsen nie wieder. 

Und wer glaubte, er könne über die Mauer zurückkehren, der begegnete den Wächtern; zumal die Mauer so hoch war, dass man nicht hinüberklettern konnte. Keine Chance. Wer einmal auf den Felsen war, der blieb für immer dort. 


Als der Zettel bei mir gefunden wurde, wurde mir klar, dass ich mich ernsthaft in Schwierigkeiten befand. Der Diebstahl der Papiere war ein schwerwiegendes Verbrechen, was mit Verbannung bestraft wurde. Und ich hatte keine Möglichkeit meine Unschuld zu beweisen … 

Trotzdem klammerte ich mich verzweifelt an die Hoffnung, es könne noch anders kom-men. So lange schon war niemand mehr verbannt worden, dass die Drohung von Jenseits der Mauer manchmal fast wie eine Geschichte schien, die man vielleicht gar nicht ernst zu nehmen brauchte. Doch beim Gedanken an die Richter, gab es keinen, der nicht zu zittern begann – so stark war die Drohung noch immer. 

An einem sonnigen Tag konnte man vielleicht aufhören an Jenseits der Mauer zu glauben. Doch mein Schicksal lag nun bei den Händen der Richter. Und das Urteil würde Verban-nung lauten. 



3. Kapitel 




Es war ein grauer fahler Morgen, als ich über die Mauer gehen sollte. Die Wachen holten mich - ; und ein letztes Mal blickte ich in den grauen Himmel hinauf, den grauen Himmel über unserer Stadt, über Sarahmau, meiner geliebten Stadt. Ein letztes Mal atmete ich die Luft ein, mit all dem Staub, dem Wind, den Geruch meiner Stadt, meines Zuhauses …  Es ist immer schwer ein Zuhause verlassen zu müssen, doch nach Jenseits der Mauer zu gehen, das ist das Allerschlimmste. 

Die Wachen zogen mich weiter, fort von den weißen Mauern, fort von meiner Stadt. … Fort von dem Anblick des unschuldigen Himmels über mir. Sie führten mich zur Mauer. Nur wenige Menschen waren in den Straßen. Ich weinte leise. 

Der Anblick der Mauer (von so nah) war erschreckend; sie war so entsetzlich hoch (…). Es war der einzige Teil der Mauer ohne Türme; der einzige Teil der wirklich grau war, der auch so wirkte. 

Einer der Wächter löste meine Fesseln. Dann warteten wir. Langsam begann das Grau am Himmel zu weichen, als schließlich der oberste Richter kam, und mit ihm noch ein paar Leute. Doch erst als die Sonne vollends aufgegangen war, begann er schließlich zu spre-chen. Er sprach nur wenige Worte; dann segnete er mich. Er lächelte grimmig. 

Als ich die Leiter betrat zitterten meine Beine - ; doch der Wächter stieß mich (unbarmherzig) weiter hinauf. Auf der obersten Sprosse löste er ein Seil von seiner Hüfte und warf es auf der anderen Seite der Mauer hinunter. 

Die andere Seite. Jenseits der Mauer. Wie mochte es dort aussehen (…). 

Wie ein Pfeil durchzuckte es mich. Ich wollte nicht fortgehen; ich wollte mein geliebtes Sarahmau nicht verlassen. <Ich war unschuldig!> Verzweifelt drehte ich mich um, es musste doch einen Weg geben … Doch als ich die angespannten Blicke der Wächter und des Richters sah, wusste ich, dass es zwecklos war; sie würden jeden Fluchtversuch ver-hindern. 

Der Wächter zog an meinem Arm. Er hatte das Seil inzwischen befestigt und geprüft, dass es stand hielt. 

<Oh Himmel!>, entwich es meinen Lippen. In der Stadt sagte man so etwas nicht, aber was machte mir das jetzt noch. 

Verzweifelt sah ich den Wächter an; doch sein Gesicht war ausdruckslos wie eh. Es hatte keinen Sinn. 

Ich musste einmal heftig schlucken. Dann nahm ich all meinen Mut zusammen und sah (auf der anderen Seite) hinunter. Nach jenseits der Mauer. 


<Geh>, sagte er. Ich streubte mich. <Geh! ich möchte dich nicht hinunterstoßen>. Das war Aussage genug. Verzweifelt sah ich mich nach einer Fluchtmöglichkeit um, doch natürlich gab es keine. 

Ich spürte sein kaltes Schwert an meinen Beinen. Kalt, so kalt … 

Ich schloss noch einmal für einen Moment die Augen und versuchte tief und ruhig durch-zuatmen. Dann griff ich nach dem Seil und kletterte mühsam daran hinab. Oder besser, ich versuchte es. Halb rutschte, halb fiel ich. Schlitternd kam ich unten an. Meine Füße schlugen auf Fels, meine Knie gaben nach. 

Dann spürte ich wie das Seil langsam aus meiner Hand gezogen wurde; wie es wieder nach oben gezogen wurde. 

Verzweifelt sah ich ein letztes Mal nach oben, die weiße Mauer hinauf, zu jenem Wächter dort oben, der die letzte Verbindung zu meiner Welt mir so unbarmherzig entzog. Ich sah das Seil über die weißen Steine gleiten, über die weißen glatten Steine ohne jeglichen Halt. Sah wie es ganz eingerollt wurde und verschwand; und der Wächter mit ihm. Bis nur der leere (blaue) Himmel blieb. Der letzte Anblick meiner geliebten Stadt, meines gelieb-ten Sarahmau … 

Damit blieb ich allein zurück, ohne Verbindung zu alledem, was ich von kleinauf gekannt hatte. Stumm vergrub ich mein Gesicht in den Händen. Ohne Wahrnehmung für die Außenwelt. Und was dann um mich herum geschah, davon hörte und sah ich nichts mehr. 


Eine kleine Hand berührte meine Schulter. <Wie heißt du?>, hörte ich eine leise Stimme. Ich reagierte nicht. Sollten sie mich doch alle in Ruhe lassen; was scherte mich das jetzt noch. Ich war jenseits der Mauer. 

<Du musst aufstehn!>, beharrte die Stimme wieder; <Du kannst hier nicht sitzen bleiben>. 

Widerwillig gab ich nach. 

Vor mir stand ein kleiner Junge, nicht älter als 7 vielleicht. Er lächelte ein bisschen scheu, aber doch auch irgendwie gewinnend. <Komm>, sagte er und hielt mir seine Hand hin. Zögernd ergriff ich sie. 

Er zog mich mit sich, einen unsichtbaren Pfad zwischen den Felsen entlang. Offensicht-lich kannte er sich aus – ich wunderte mich einen Moment – aber dann fiel mir ein, dass er hier schließlich zuhause war. Lächelnd sah er zu mir auf: <Sarah wird dir helfen; sie kann jeden heilen …>. Er lächelte gewinnend. 

Ein bisschen widerstrebend versuchte ich sein zuversichtliches Lächeln zu erwidern (was mir nicht ganz gelang). Aber er schien zufrieden. 

Ein letztes Mal sah ich mich noch nach meiner Stadt um, oder besser gesagt nach der weißen Mauer, die mich von ihr trennte. Doch selbst davon war kaum noch etwas zu erken-nen: Wir hatten mehrere hohe Felsen passiert, ohne dass ich es gemerkt hatte. Dann wandte ich mich ab und eilte einem neuen Leben entgegen, wenn auch einem elenderen, wie ich glaubte. 

Er lächelte wieder, als er bemerkte wie ich mich umsah. <Hier beginnt unser Reich>, erzählte er mir vertraulich, <das Land der Träume und Geschichten>. Verwirrt sah ich ihn an; das klang so ganz anders, als was sie uns in der Stadt erzählt hatten. 

Doch er schwieg nur. 

Verdrießlich beschloss ich ihm nicht zu glauben. Er war eben doch nur ein kleiner Junge mit einer blühenden Phantasie. Jenseits der Mauer war nicht mehr als ein Haufen kahler Felsen, auch wenn es scheinbar etwas größer war als ich gedacht hatte. Die in der Stadt würden schon wissen, wovon sie sprachen – hatten unsere Lehrmeister nicht immer die Wahrheit gesagt. Der Junge war wahrscheinlich schon halb verrückt vom dauernden Leben auf den Felsen, und entrückt in verklärte Kinderträume und -phantasien. In einigen Wochen würde ich möglicherweise genauso verdrehtes Zeug faseln wie er. Tolle Aus-sichten. 

Mürrisch folgte ich ihm. Ich hatte längst beschlossen diesen Ort zu hassen – und davon würde mich keiner abbringen, schon gar nicht ein siebenjähriger Knirps, der offensicht-lich nicht ganz richtig im Kopf war. 


Doch was Yena nicht sehen konnte, war, dass eben jener Knirps, ein Stück vor ihr auf dem Felsenpfad, ihre Gedanken längst erraten hatte. Er lachte leise. <Lass sie schmollen>, murmelte er leise, <sie wird es schon noch merken. „am Anfang spinnen sie alle ein biss-chen“, das hat Sarah immer gesagt.> Und so lief er zuversichtlich weiter, ohne sich noch einmal umzudrehen. Sarah würde sie schon heilen. 








4. Kapitel 




Ich folgte dem Jungen den Pfad entlang. Rechts saßen einige Kinder mit Fischnetzen. Ihre ruhigen Augen folgten mir, und doch wirkten sie nicht neugierig. Sie hielten auch kein einziges Mal in der Arbeit inne, geschäftig bewegten sich ihre Hände vor und zurück beim Flicken der Netze, immer vor und zurück. Und auch ihre Zungen schienen nicht für einen einzigen Moment still zu stehn, ununterbrochen schnatterten und plapperten sie. Und doch folgten ihre Augen mir immer. Wachsam, zugleich aber auch freundlich. Auf den Felsen saßen noch mehr; manche putzten Fische, andere sortierten Beeren. Alle wirkten sie ruhig und entspannt. Was war hier los? War dies wirklich die Welt jenseits der Mauer.  Ich konnte es kaum glauben. Immer noch folgte ich dem (kleinen) Jungen den Pfad entlang. Er hieß Kim, das hatte er mir mittlerweile gesagt. Vor uns weitete sich der Felspfad zu einem kleinen geschützten Tal (obwohl es eigentlich kaum mehr als eine Mulde war). In der Mitte brannte ein Feuer. Eine Gruppe von Jungen und Mädchen standen um es herum, offensichtlich lebhaft diskutierend. Und dann sah ich sie. Sarah. Ich wusste sofort, dass sie es war; wer sonst hätte es sein können. Sie hatte etwas an sich, das ich an noch niemand sonst gesehen hatte; etwas von einer Anführerin … , und doch war sie nicht beherrschend. Sie hatte etwas höheres an sich, etwas, das ihr ein wenig mehr gab. Sie war jemand, der Leben beeinflussen und verändern konnte. All dies wusste ich im ersten Moment, da ich sie sah. Denn wer sonst hätte Sarah sein können, wenn nicht sie. 

          Kim hatte mir ihren Namen genannt und gesagt, dass er mich zu ihr bringen würde, doch zeigen brauchte er sie mir nicht. Tatsächlich war er bereits stehen geblieben, während ich noch einen Schritt weiter auf sie zugegangen war und ihn somit überholt hatte. Ich blieb unsicher stehn und sah mich nach ihm um. Doch er lächelte nur beruhigend auf seine typisch kindliche Art, mit der er doch irgendwie erwachsener wirkte als viele in Sarahmau. Ich zögerte noch einen Moment, dann ging ich weiter auf Sarah zu. Kim folgte mir. Noch immer waren Sarah und die anderen Kinder in ihr Gespräch vertieft und noch immer ruhten die Blicke der übrigen Kinder auf mir. Ich fragte mich, was ich tun sollte; ich konnte doch schlecht in das Gespräch hereinplatzen, noch dazu als Fremde. Oder taten sie das hier so? Ich beschloss mich nach meinen guten Sarahmau-Manieren zu zeigen. Ich ging noch einige Schritte weiter, und hielt dann an. In einem respektvollen Abstand von der Gruppe, gut einen Meter entfernt. Ich überlegte gerade, dass ich möglicherweise eine ganze Weile würde warten müssen (doch sei es drum), da hielt Sarah, denn es musste Sarah sein, plötzlich im Satz inne und drehte sich zu mir um. Niemand hatte zu mir hingesehn oder ein Wort darüber zu ihr gesagt, und doch … Woher wusste sie, dass ich da war? Es war irgendwie gespenstisch. Unwillkürlich machte ich einen Schritt zurück; mir waren diese Leute unsympathisch. Ich überlegte, ob ich wegrennen sollte. 

Doch da trat Sarah ganz unerwartet auf mich zu und schloss mich in die Arme. <Willkom-men!>, sagte sie zu mir und brach damit das Schweigen. Die übrigen Kinder begannen zu jubeln und zu klatschen. Die von weiter den Pfad hinauf waren zuvor ganz leise hinter mir heran gekrochen, um auch ja alles mitzuerleben. Nun drängten sie alle auf mich zu und wollten mich ebenfalls begrüßen, mich ebenfalls in die Arme nehmen. <Willkommen!>, sagte Sarah noch einmal, <schon solang ist es her, dass wir das letzte Mal Neuankömmlinge hatten.> Dabei lächelte sie mich an. Das Eis war gebrochen. Zögernd lächelte ich zurück. Dann nahmen mich die Kinder an der Hand und zogen mich ans Feuer. <Hast du Hunger?>, fragten sie. Ich schüttelte nur unsicher den Kopf; ich war viel zu aufgeregt um jetzt etwas zu essen. Doch sie lächelten nur (sie hatten mich verstanden) und drückten mir einen Teller Suppe in die Hand. <Iss>, sagten sie. 

Ich muss zugeben, dass mir ein wenig – oder um ehrlich zu sein, mehr als nur ein wenig – vor dem Essen jenseits der Mauer gegraut hatte. Die Lehrmeister hatten es so grauen-voll beschrieben. Deshalb zögerte ich nun ein bisschen. Es sah nicht gerade wie das leckerste aus, was ich jeh gegessen hatte, doch aber auch nicht gerade unappetitlich, und vor allem duftete es verlockend. Dennoch zögerte ich. Ich konnte die Bilder nicht vergessen, die sich in der Schule in meinen Kopf so unwiderruflich eingebrannt hatten. Alter, bereits angefaulter Fisch, schlecht zubereitet und nur halb gekocht, stinkender Fisch mit Gräten, die einen in den Hals stachen, grauenvolle kleine Tiere, die auf den Felsen lebten, Schalentiere, mit kleinen gepanzerten Füßen, erst halb abgerissen, über Feuern geröstet, altes, halb vermodertes Laub … Mir hatte es bei solchen Schilderungen immer halb den Magen umgedreht. Ich spürte, wie sich auch jetzt in mir alles zusammen-zog. Unbehaglich sah ich auf. All die Blicke waren auf mich gerichtet, gespannt wartend. Ich dachte an Sarah. (Doch ich wagte es nicht nach ihrem Blick zu suchen). Ich wollte nicht, dass sie dachten, ich wäre unhöflich oder vielleicht gar verzogen, und ich wollte sie auch nicht enttäuschen. Widerwillig zwang ich mich den Löffel in die Suppe einzutauchen. Wie in Zeitlupe führte ich ihn zum Mund. Angeekelt nippte ich daran – und aß gleich den ganzen Löffel, und noch einen und noch einen. Mmmmm, wie die Suppe schmeckte, köst-lich, himmlisch, einfach fantastisch! Ich glaubte, noch nie etwas so Gutes gegessen zu haben. Die Suppe schmeckte nach Beeren und Wildfrüchten … vielleicht Blättern und Kräutern … und etwas … etwas mir Unbekanntem, unbeschreiblichem. 

Es war kein Fisch dabei. 

Verwundert sah ich auf. Wie all die strahlenden Gesichter mich anblickten! Wie sie alle jubelten! Ich hatte für einen Moment nichts mehr um mich herum wahrgenommen, so beschäftigt war ich gewesen. Ich lächelte ein bisschen verlegen. Ich spürte Sarahs Blick auf meinen treffen; sie war zufrieden. 

Gierig schlang ich den Rest der Suppe hinunter, nur um gleich wieder nachgeschöpft zu bekommen. Die anderen lachten. <Iss!>, sagten sie, mir wieder und wieder nachschöpfend. Nach drei weiteren Tellern hatte ich das Gefühl keinen einzigen Löffel mehr zum Mund führen zu können. Schläfrig saß ich am Feuer, während die anderen lachten und redeten. Dann packten sie mich in eine Decke und führten mich in eine Höhle, wo ich bis zum Morgen schlief, und noch weit in den Tag hinein. Die Erlebnisse der letzten Tage, mit all ihren Aufregungen hatten mich erschöpft. 


Schon halb im Schlaf, mit dem Bewusstsein kaum noch in der wachen Welt, hörte ich vage Stimmen in einer angrenzenden Höhle. Doch ich war bereits zu müde um noch ausmachen zu können, was sie sagten. Damit schlief ich ein. 

In jener angrenzenden Höhle fand jedoch ein Gespräch statt, das sicher auch Yena inter-essiert hätte. Denn eben dort am Eingang, ein Stück abgerückt vom halb verloschenen Feuer draußen, saßen Sarah und zwei weitere Mädchen, die Sterne betrachtend. Leise unterhielten sie sich. 

<Ich bin überrascht, dass sie so schnell gegessen hat, die meisten brauchen wesentlich länger.> 

<Sie wird ausgehungert gewesen sein. Wer weiß, wann sie zuletzt zu essen bekommen hat. Wer am Verhungern ist, wählt nicht lang.> 

<Ich weiß nicht … (eine kleine Pause) … Weißt du noch wie Kim zu uns kam, er war noch ein halbes Baby; und trotzdem hat er drei Tage nichts gegessen. So schreckliche Geschich-ten hatten sie ihm in der Stadt erzählt. (Aber natürlich war er noch zu klein um sich jetzt daran erinnern zu können.) …> 

<Naja, Baby ist vielleicht doch ein bisschen übertrieben, er war immerhin schon drei. Und wenn sie jetzt schneller essen, heißt dass wahrscheinlich nur, dass sie jetzt weniger Schauermärchen erzählt bekommen.> 

<Du hast auch fast zwei Tage gebraucht, Nina, bis du endlich gegessen hast.> 

<Ffhhh>, Nina rümpfte ärgerlich die Nase. <Bei den Fischgeschichten hättest du das auch.> 

Déa lachte. <Ich hab die gleichen erzählt bekommen wie du, vergiss das nicht. Und Sarah weiß schon, warum sie ihnen zuerst Wurzel- und Beerensuppe gibt statt Fisch.> 

Beide lachten. 

<Ich bin gespannt, wann die neue Fisch isst, bei der Suppe von heute war sie ja nicht so kleinlich; aber Fisch … nein, da wird sie nicht so schnell sein. Solang sie wählen kann, wird sie sich das zweimal überlegen. Glaubt mir. (…) Habt ihr gesehen, wie sie am Anfang die Nase gerümpft hat? Sagen wir … ein halbes Jahr, eher nicht.> 

<Zwei Wochen, höchstens vier; wenn es ans Essen geht, ist sie nicht so wählerisch. Und sie heißt Yena, nicht „die Neue“. Aber dass sie Fisch nicht so schnell isst wie Suppe, da hast du wahrscheinlich Recht.> 

Beide lachten wieder. 

Sarah war bis zu diesem Punkt still sitzen geblieben und hatte zugehört. Erst jetzt mischte sie sich in die Unterhaltung ein. 

<Sehr bald schon. Sie ist anders als die anderen. Und ich glaube nicht, dass es etwas damit zu tun hat, was man ihr erzählt hat.> 

Überrascht sahen Déa und Nina sie an. <Was glaubst du, wird geschehn? Wie lang wird sie brauchen? Was meinst du mit „anders“?> 

Doch Sarah schüttelte nur den Kopf. <Lasst uns abwarten und sehen wie sie sich ent-wickelt. Keiner kann voraussehn, was passiert; doch ich spüre sicher, dass etwas gesche-hen wird. Schaut, die Sterne, wie hell sie heute leuchten.> 

Danach schwiegen alle, bis schließlich auch sie schlafen gingen, eine nach der anderen. Bis zuletzt auf Sarah. Lange Zeit saß sie noch alleine am Höhleneingang, auf das leise Atmen ihrer Gefährten lauschend, als einzige noch wach. (…) Doch schließlich schlief auch sie ein. Und als am Morgen die ersten aus ihren Höhlen kamen, fanden sie sie dort immer noch schlafend. Sie lächelten nur. <Sarah hat wieder eine schlaflose Nacht gehabt>. (Und sie begannen ihre Arbeit ohne sie zu wecken). 


Sarah träumte. 

Sie stand auf jenen hohen Klippen ganz am Ende der Felsen und sah auf das Wasser hinaus. Ein Boot fuhr langsam davon, oder vielleicht kam es doch allmählich auf sie zu, sie wusste es nicht so genau. Bis das Boot plötzlich versank. Da wusste sie, dass es gekom-men war um sie zu holen, und dass sie es war, die es hatte versinken lassen. Doch es über-raschte sie nicht. 

Dieser Gedanke erschreckte sie ein wenig. Für einen Moment fragte sie sich, wer auf dem Schiff gewesen war. Dann erinnerte sie. 

Mit einem (stummen) Schrei erwachte sie. Panisch atmend lag sie da, die Augen noch geschlossen. Diese Gedanken waren nicht die ihren. 

Auf dem Schiff war ein Mann gestanden – ihr Bruder. Doch sie hatte keinen Bruder. Er hatte einen langen schwarzen Mantel getragen, die Säume hinter ihm wehend im Wind. Doch in Sarahmau oder der restlichen ihr bekannten Welt trug niemand solche Mäntel. Er hatte zu ihr aufgeblickt und sie erkannt. <Mein Bruder!> hatte es schmerzlich in ihr ge-schriehen – doch sie hatte keinen Bruder. Und dann hatte sie gewusst, dass er ihr nichts Gutes wollte, und das Schiff versenkt, einfach so. 

Sarah atmete tief durch. Es war nur ein Traum gewesen. Sie hatte keinen Bruder.  

          Die Geräusche um sie her waren alltäglich wie immer; sie war mit ihnen von klein auf aufgewachsen. Es beruhigte sie. Der Traum wirkte bereits viel weiter in die Ferne gerückt. 

Müde richtete sie sich auf und rieb sich die Augen. Sie fühlte sich keines Wegs ausge-schlafen, sondern so, als hätte sie seit Tagen schon nicht mehr geschlafen, vielleicht sogar seit Wochen (obwohl das eigentlich nicht möglich war). Wie lang hatte sie geschlafen? Schuldgefühle begannen an ihr zu nagen, weil sie wusste, dass die anderen längst an der Arbeit waren. Langsam stand sie auf um sich zu waschen und bei der Arbeit zu helfen. Sie wollte den Traum vergessen. 


Als ich aufwachte fehlte mir das Gefühl des rauen Windes auf meinem Rücken, sein dau-erndes Murmeln an meinem Ohr. Ich fühlte mich warm und trocken, wohlig in eine Decke eingewickelt. Doch es war nicht die meine; sie fühlte sich ganz anders an, und sie roch auch anders. Für einen irrwitzigen Moment fragte ich mich, ob ich noch in den Gerichts-sälen war, als diese grauenvolle Erinnerung zurückkehrte. Widerwillig setzte ich mich auf und wollte meine Augen entsanden. Aber natürlich war kein Sand da, ich war ja drinnen; und auch der Wind fehlte natürlich, der sonst immer all den Sand brachte und anhäufte. Dies brachte mich nun vollends aus der Fassung. Irritiert schlug ich die Augen auf. Ich war in einer Höhle. Da kam auch diese Erinnerung zurück. Sarah. 

Ich sah mich um, außer mir war niemand da. Tageslicht sickerte durch die Öffnung einer angrenzenden Höhle herein. Mein Magen knurrte, Essenszeit. Wie lang hatte ich geschlafen? War es schon Mittag? In Sarahmau hatte ich mich immer auf meinen Magen verlassen können, dank der relativ festen Essenszeiten. Ich stand auf und ging nach draußen. 

Es war Mittag. Doch die wenigsten schienen überhaupt an Essen zu denken. Dies verwunderte mich; sicher hatte ich doch noch genügend Suppe übrig gelassen. Unsicher näherte ich mich. Die anderen lächelten mir zu. Ein Mädchen kam zu mir gelaufen, sie sagte, sie hieße Sina. Sie führte mich hinunter zum Wasser, damit ich mich waschen konnte. Auf die Frage, wo Sarah sei, antwortete sie <auch am Wasser, aber anderswo, Segel flicken und Wind besprechen.> Ich wunderte mich. Doch die Antwort auf meine zweite Frage war es, die mich schließlich vollends verwirrte. <Wo sind all die übrigen?> <Schlafen; es ist noch nicht Zeit aufzustehn.> 

Zurück am Feuer gab sie mir Suppe zu essen und verließ mich wieder. 


Ich saß eine Weile da und aß stumm schweigend meine Suppe. Es war nicht die selbe wie gestern. Sie hatte etwas Würziges an sich, vielleicht auch Zwiebeln. Eine Weile kaute ich so vor mich hin und versuchte den Inhalt der Suppe zu ergründen. Dann wandte ich mich meiner Umgebung zu. Am Abend zuvor war ich viel zu aufgeregt gewesen, um wirklich alles in mich aufzunehmen. Nun erst sah ich die Landschaft mit anderen Augen, mit den Augen jener, die ihre neue Heimat ergründen wollen. 

Die Gegend wirkte verändert, die Umrisse waren klarer; mit neuer Intensivität nahm ich alles um mich herum wahr. Ich konnte sehen, dass von dem großen Hauptpfad, auf dem ich gekommen war, noch viele kleinere Wege abzweigten. (Ich war eine Fremde, und für mich war es schwer, in diesem Felsengewirr überhaupt etwas wie Pfade zu sehn, doch in fremden Gegenden auf sich gestellt, entwickelt man oft ungeahnte Fähigkeiten. Und so konnte ich doch einen Teil der mir unbekannten Pfade erahnen.) Einige führten die Felsen seitlich des Kessels hinauf. Dort oben konnte ich einige der Kinder sehen, wie sie Netze und Fische zum Trocknen ausbreiteten, oder an anderen Stellen bereits trockene ein-sammelten. Andere sortierten Beeren. Und manche saßen oder standen einfach nur in einer kleinen Gruppe herum, diskutierend und lachend. Doch die meisten fehlten noch. Offensichtlich hatte Sina recht und sie schliefen noch, auch wenn ich das nicht begrei-fen konnte. Die andere Antwort gab mir dagegen Rätsel auf. <Auch am Wasser aber anderswo, Segel flicken und Wind besprechen>. Was mochte das bedeuten? Es konnte hier keine Boote geben, niemand überquerte je das Wasser; das wusste ich. Jeder lernte das in der Schule. Und wie hätten ausgerechnet die Kinder Jenseits der Mauer Boote haben sollen und die Kenntnisse am anderen Ufer zu landen. Außerdem wäre es den Wäch-tern sicher bekannt gewesen, wenn solche Boote existierten. Nein, es war ausgeschlos-sen, dies konnte nicht die Erklärung dieses Rätsels sein. Es musste eine einfachere Lösung geben; gewiss hatte ich mich verhört. So versuchte ich meine verwirrten Gedan-ken zu besänftigen und die Zeit schneller vergehen zu lassen. 

Schließlich begannen nach und nach auch die übrigen Kinder aus den Höhleneingängen auf-zutauchen. Sie kamen auf mich zu und setzten sich ans Feuer.  Sie lachten und schwatz-ten alle wild durcheinander. Sie waren ganz natürlich zu mir, so als wäre ich schon immer da gewesen. Sie fragten mich wie ich geschlafen hatte. Ich sagte gut. Sie drängten mir noch einen Teller Suppe auf und meinten <du musst essen, wir können dich doch nicht noch mehr hungern lassen, so dünn wie du schon bist>. Ich protestierte nur schwach. Es stimmte ja, ich aß gerne. Aber dünn? Nein, für dünn hielt ich mich eigentlich nicht. Ich hatte halblange dunkle Haare und jene Ruhe, die nur uns Straßenkindern eigen war, durch die Besonderheit unseres Lebens. In Sarahmau hatte ich immer gern gelacht, mit Mia und den anderen … Doch nun, … Ich musste einmal schlucken. Nein, versicherte ich mir selber, ich würde auch hier gern lachen; die Leute hatten ihre eigene herzliche Art. 


Während ich meine zweite Suppe aß, versuchte ich den Gesprächen der anderen zuzu-hören. Doch es war schwer die einzelnen Dialogbruchstücke aus dem vermischten Durch-einander auszumachen. Neben mir erzählte ein Mädchen etwas von einem Hering, der glaubte fliegen zu können, während sich ihre beiden Freundinnen schief lachten. (Es war offensichtlich ein Witz, auch wenn ich ihn nicht verstand). Ein Stück entfernt sah ich Kim in einer Gruppe Gleichaltriger. Irgendwo weiter rechts von mir wurde über Beeren und Jahreszeiten diskutiert: 

<Ich sag dir Phil, die Stachelbeeren sind dieses Jahr auffallend kurz in der Saison. Wir sollten zusehn, dass wir noch pflücken, bevor die Saison zu Ende ist.> 

<Ja, du hast recht, wir sind ohnehin knapp an Vorräten, mit dem bisschen, das wir soweit getrocknet haben, kommen wir niemals durch den Winter. Wir müssen uns beeilen.> 

<Lasst uns heute Nacht fahren; der Wind ist günstig. Wir sollten nicht warten, bis er sich legt.> 

Ein Junge, offensichtlich Phil, schüttelte bedenklich den Kopf. <Nein Teresa, diese Nacht ist Vollmond; die Wächter würden uns sehn. Außerdem wird der Wind nicht so schnell wieder abflauen. Sarah glaubt, dass er die nächsten Tage sogar noch weiter zunehmen wird. Ein paar Tage nach Vollmond können wir fahrn; dann ist die Nacht auch nicht mehr so hell.> 

Teresa schwieg nur. 

Ich hatte die Unterhaltung nicht verstanden. Was meinten sie nur mit <losfahrn> und <Beeren sammeln>; und was spielte es schon für eine Rolle, ob der Mond schien oder ob der Wind stark war … 

Ich musste an Phils Worte denken, <die Wächter würden uns sehn>. Ein unbehagliches Gefühl beschlich mich. Taten sie vielleicht etwas Verbotenes? Sie würden uns alle nur noch mehr in Schwierigkeiten bringen. Ein Unternehmen, das die Wächter einschloss, konnte nur auf die andere Seite der Mauer führn. Mich schauderte. Was würde die nächste Strafe sein nach Verbannung? … Unbehaglich sah ich zur Seite. 

Über meine düsteren Gadanken hatte ich den weiteren Verlauf des Gesprächs nicht mitbekommen. Offensichtlich hatte jemand nach Sarah gefragt. <Sie trifft bereits die ersten Vorbereitungen>, sagte jemand gerade, <Nina und Déa helfen ihr>. Für einen Moment wunderte ich mich wieder und dachte an die Worte Sinas <Segel flicken und Wind besprechen>. Wie seltsam. Dann schob ich die Gedanken beiseite. 

Nach dem Essen zogen mich ein paar der anderen Kinder mit sich. Sie holten Körbe voll Beeren aus den Höhlen, und noch mehr leere. Zu zweit setzten sie sich an einen vollen Korb und sortierten die Beeren in die leeren Körbe. In den einen Blaubeeren, in einen anderen Stachelbeeren, wieder in einen anderen etwas, das wie zu klein geratene Erdbeeren aussah. Und so weiter. 

Ich wurde auch mit eingeteilt, das Mädchen mir gegenüber hieß Marie, sie lächelte mir beruhigend zu. Wenn ich Fehler machte half, sie mir ruhig und verbesserte mich. Sie war so geduldig; ganz anders als die Leute in der Stadt. Sie erzählte mir von ihrer Kindhit; sie war schon mit 7 Jahren verbannt worden, doch es machte ihr offensichtlich nichts aus. Sie liebte die Felsen, den See und alles, was sonst noch dazu gehörte. Ich wunderte mich. Sie lächelte nur, verloren in den blauen Himmel aufblickend. Sie war so verträumt … 

Den ganzen Nachmittag verbrachten wir damit Beeren zu sortieren. Wenn die Körbe voll waren, wurden sie fortgetragen und andere gebracht. Meistens arbeitete ich mit Marie, ein paar Mal wurde ich jedoch auch anderen Gruppen zugeteilt; einmal fand ich mich sogar bei Teresa an einem Korb. Sie war viel robuster als Marie, viel lebendiger. Doch auch sie lächelte mich an. 

Als es zu dämmern begann kehrten wir ans Feuer zurück, und auch von rings um uns her strömten weitere Gruppen herbei. Auch sie hatten ihre Arbeiten erledigt. Bei einer von ihnen war Sarah. 

Sarah. Welch ein Rätsel sie mir doch war – genau wie das restliche Leben auf den Felsen. Wie ich danach durstete endlich die Lösungen all jener Rätsel zu erfahren. Doch auch bei diesem Essen hatte ich keine Gelegenheit dazu. (Sarah saß ein ganzes Stück von mir entfernt.) 

Zu essen gab es Fisch und wieder einmal Suppe. Ich zog es vor mich an die Suppe zu halten; doch auch der Fisch duftete verlockend. Dennoch blieb ich stark. Die Erzählun-gen der Lehrmeister hatte ich noch nicht vergessen. Schläfrig saß ich am Feuer, die Geschichten und Gespräche der anderen wirr an mir vorbeiziehend. Zu einem undurch-dringlichen Rauschen und Murmeln zurückgedreht. Ich fühlte mich warm und wohlig. Immer wieder nickte ich ein. Schließlich schickten sie mich zu Bett. 









5. Kapitel 




In der darauf folgenden Zeit sah mein Tagesablauf nicht anders aus. Ich begann mich an den Rhythmus des Lebens jenseits der Mauer zu gewöhnen und stand später auf. Dann sortierten wir Beeren oder breiteten manche zum Trocknen aus. Ich begann Fisch zu essen, und von da ab wurde ich auch zum Ausbreiten und Einsammeln von Fischen und Netzen eingesetzt. Oft arbeitete ich mit Marie; sie war eine treue Seele und wir wurden schnell gute Freundinnen. Sie war die erste richtige Freundin, die ich jenseits der Mauer fand … Wenn wir uns bei der täglichen Arbeit trafen, sprachen wir miteinander und erzählten der anderen aus unserer Vergangenheit (…). Doch abends war ich meist noch immer zu müde, um an den Gesprächen der anderen teilzunehmen. Ich dämmerte am Feuer vor mich hin und ging dann schließlich zu Bett, während die anderen noch lange fröhlich lachten und sich unterhielten. Als ich mich jedoch mehr und mehr an den neuen Lebensrhythmus zu gewöhnen begann, und immer weiter in den Tag hinein schlief, fiel es mir auch leichter abends wach zu bleiben. So blieb ich denn immer später auf – und war doch eine der ersten, die schlafen gingen. 


Seit meiner Ankunft waren vielleicht zwei/drei Wochen vergangen, ich wusste es nicht genau zu sagen. Es war Abend und ich saß am Feuer, wohlig in eine Decke gewickelt (denn die Nächte wurden bereits kälter). Ich fühlte mich so gar nicht schläfrig wie sonst. Mein Geist war hellwach (auch wenn mein Körper diese Meinung nicht ganz teilte). Ich beschloss noch nicht zu Bett zu gehn, sondern diesmal wach zu bleiben und zu sehn, was die anderen taten. 

Eine Weile lauschte ich den Gesprächen um mich her, irgendwo hinter mir am Fuß der Felsen, ein gutes Stück entfernt, hörte ich Wasser glucksen, leichte Wellen, die ans Ufer schlugen. So lauschte ich gleichzeitig in die Nacht hinein und auf die Stimmen meiner Gefährten. 

So tief war ich in mein eigenes Lauschen versunken, dass ich zunächst gar nicht merkte, wie rings um mich herum die Gespräche langsam verebbten, bis es still wurde. Verwundert sah ich mich um. Wie sie alle so still dasaßen und ins Feuer blickten. Mir wurde klar, dass ich bereits weit länger auf war, als all die Tage zuvor, und dass wir wahrscheinlich einen Punkt erreicht hatten (an dem sie nicht mehr weiter wussten), der jeden Abend passier-te, den ich jedoch bis jetzt immer verschlafen hatte. 

Nach einer Weile erhob sich eine einzelne Stimme: <eine Geschichte, eine Geschichte!> <Ja!>, riefen die anderen, <eine Geschichte, Sarah erzähl uns eine Geschichte!> Alle Blicke wandten sich ihr zu, doch sie saß nur still da und sah ins Feuer. Warum sagte sie nichts? wunderte ich mich. Alle sahen sie so erwartungsvoll an. Ich glaubte nicht, dass sie eine Geschichte erzählen würde. 

Doch plötzlich hob sie an zu sprechen, immer noch ins Feuer sehend. Wie ein Raunen ging es durch die Menge. 

<Vor langer Zeit, lebte in Kum-Kum-Nah, dem Ort an der Weltkante, ein armer alter Mann. Er hatte nur eine Tochter, die er mehr liebte als alles Gold auf der Welt. Denn er war nicht gierig, sondern weise und allen Verführungen der Welt entsagt. Deshalb lebte er auch dort an der Weltkante, wo die Sterne und Sonnen sich langsam vermischen, und die ewigen Nebel das Universum und den Abgrund verschleiern. Es war eine Zeit, da es Reichtum und Überfluss gab, und die Flüsse noch voll Gold schwammen. Doch all dies machte die Menschen nicht glücklicher; - und es gab auch damals schon arme, doch sie waren die wahrlich glücklichen. Dieser Mann war einer von ihnen. Seine Tochter jedoch trachtete nach höheren Begierden als nur das schlichte Glück. Sie sehnte sich nach Ansehn, nach schönen Kämmen und nach Schmuck. Doch vor allem nach Schönheit. Oh, sie war schön, doch hätte sie nur eine einzige Perlenkette gehabt und ein seidenes Kleid, nie-mand hätte ihr das Wasser reichen können. Der Vater fürchtete sehr um seine Tochter, er ahnte, er würde sie verlieren – doch er wusste sich keinen Rat, und so lebte er nur weiter sein Einsiedlerleben. Als die Tochter 16 war, sprach sie <Mir steht nach Höherem, ich bin zu anderem berufen>. Damit legte sie den eitlen Spiegel beiseite, den sie einst einem verirrten Händler abgeschwatzt hatte, und ging. Ohne ein Wort des Abschieds von ihrem Vater. Dieser weinte bittere Tränen – doch was sollte er tun. So ging sie nun fort und durchwanderte lange Zeit die leeren Ebenen. Ihre Schuhe wurden noch zerschlissener, ihre Kleider noch zerfetzter. Sie lebte nur von Beeren und Wurzeln, die sie aus der Erde ausgrub. Wer hätte hinter jenem zerlumpten Geschöpf die stolze Tochter des Einsiedlers vermutet, die so eitel nach Perlen und Reichtum getrachtet. Endlich kam sie an eine Stadt, deren Tore vergoldet. Die Zinnen waren mit Edelsteinen geschmückt und von den Wächtern trug ein jeder Stiefel mit edlem Pelz gefüttert. <Lasst mich ein!>, sprach sie, doch die Wächter lachten nur. <Was, ein so schmutziges Geschöpf wie dich sollen wir in unsere schöne Stadt lassen? Du bist ja hässlich wie eine Kröte. Auf keinen Fall lassen wir dich ein>. So spotteten sie, doch da kam der Sohn des Fürsten vorbeigeritten und sah das fremde Mädchen in all seiner Zerlumptheit. Dennoch erkannte er ihre Schönheit. <Wäre nur eine einzige Perlenkette um ihren Hals und ein seidenes Kleid um ihren zarten Körper gewickelt … >, so sprach er für sich. <Macht auf!>, rief er kurz entschlossen den Wächtern zu und hob das Mädchen auf sein Pferd. Dann ritt er mit ihr in die Stadt hinein und stracks zum fürstlichen Palast. Die Menschen auf den Straßen schüttelten jedoch nur verständnislos den Kopf. <Was will er mit ihr>, sagten sie. <Es gibt 1000 mal schönere und reichere Mädchen in der Stadt. Soll er die Bettlerin vor dem Tore lassen>. Doch der Königssohn ließ sich nicht beirren. Er kleidete sie in schöne Gewänder, Seide und Perlen, und nahm sie zur Frau. Und als er das nächste Mal mit ihr durch die Stadt ritt, staunten die Leute. <Wie schön sie doch ist>, sagten sie voll Verwunderung. Von da an lebte die junge Tochter des Einsiedlers als stolze Fürstin in der Stadt jenes jungen Fürstensohns, der ihr die Welt zu Füßen legte in seiner innigen Liebe. Sie aber konnte für ihn nichts empfinden. So lebten sie lange Jahre und der alte Vater glaubte seine Tochter hätte ihn längst vergessen, wenn sie nicht an Hunger gestorben war. Und tatsächlich, die junge Fürstin verschwendete keinen einzigen Gedanken an ihren Vater. Selbstsüchtig lebte sie in prunkvollen Gemächern, hortete Schmuck um sich an und erging sich in schönen Gewändern. Zu oft nur beschwatzte sie ihren verliebten Mann ihr neue Kleider zu schenken, eins prächtiger und prunkvoller als das andere. Immer gab er ihr, was sie ersehnte; doch nie erhielt er auch nur einen einzigen liebenden Blick oder ein Wort des Danks für seine Großzügigkeit. So vergingen Jahre und die junge Frau wurde immer noch eitlerer und noch mehr nach Schönheit süchtig. Doch plötzlich schnitt das Schicksal in ihr unbeschwertes Leben. Der Vater ihres Mannes, ihr Schwiegervater, dem sie nie einen Blick zugedacht oder jeh ein Wort gewechselt hatte, starb. Voll Schock dachte sie an ihren eigenen Vater, den sie ohne einen Gruß des Abschieds, ohne eine einzige Träne, ja sogar ohne einen Gedanken verlassen hatte. Sie hatte ihn allein zurück-gelassen, in jener weiten leeren Ebene, ohne eine lebende menschliche Seele zur Gesell-schaft. Wie einsam musste er sich fühlen. Lebte er überhaupt noch? Oh, wenn er nur nicht gestorben war ohne ein dankbares Wort von ihr zu hören, mit der letzten Erinner-ung an sie, seine Tochter, wie sie gegangen war, ohne einen einzigen Gedanken an ihn zu verschwenden, ohne Gruß und Wort. Sie raffte sich auf. Nein, sie durfte hier nicht bleiben. Sie liebte ihren Mann ja überhaupt nicht. Ihr Vater war es, dem sie ihre Liebe schenken musste, und der ihr auch wirklich etwas bedeutete. Sie musste ihn suchen, falls er noch lebte. Sie musste ihm sagen, dass es ihr Leid tat, ihn um Verzeihung bitten. Oh, wenn er sie nur wieder in seinen liebenden väterlichen Schutz aufnehmen würde, und seine schützenden Arme über sie ausbreiten. Voll Reue legte sie ihren kostbaren Schmuck ab und tauschte das goldüberladene Kleid gegen das einfachste, das sie besaß. Sie durfte hier nicht verweilen. Wer wusste schon wieviel Zeit ihr noch blieb. Sie suchte ihren Gemahl auf und gestand ihm ihre Schlechtheit. Er wollte sie zunächst nicht gehen lassen, denn auch er liebte sie. Doch dann sah auch er ein, dass sie zu ihrem Vater musste, bevor auch er starb. Und als er begriff, dass sie ihn nicht liebte, und auch nie geliebt hatte, wusste er, dass es keinen Sinn hatte. Da ließ er sie gehn. Die nächsten Monate irrte sie in der Einöde umher, wie sie es schon vor so vielen Jahren getan hatte, damals bei ihrer Ankunft. Denn sie konnte den Weg nicht mehr zurück finden. Jeden Tag bangte sie. War ihr Vater noch am Leben? Kam sie bereits zu spät? … Ihre Schuhe, für marmorne Säle und dicke Teppiche gemacht, waren längst zerschlissen, kaum mehr als ein paar Fetzen, bis sie schließlich barfuß weiter lief, getrieben von der Angst um ihren Vater. Ihre Gewänder wurden schmutziger und schmutziger, von Löchern durchzogen, die gelbe Seide kaum noch erkennbar, schlimmer zerschlissen als jede Bettlerin. So kam sie schließlich zur kleinen Kate ihres Vaters. – Und oh – dort draußen auf der Bank vor dem Haus saß der geliebte Vater. Für einen scheuen Moment zögerte sie. Dann rannte sie voll Freude auf ihn zu und warf sich ihm an den Hals. <Vater>, schluchzte sie, <Vater! Bitte verzeih mir!>. Weinend verbarg sie den Kopf an seinem Hals. Der alte Mann war zutiefst erstaunt; hatte er doch geglaubt, seine Tochter hätte ihn vergessen. Gerührt tätschelte er ihr das Haupt. <Na, na>, murmelte er, <wo bist du denn gewesen, du ungestümes Kind. Eine ganze Weile ist es her, dass du nun fort bist. Ich dachte schon, ich würde dich nie mehr wiedersehn … >. So murmelte er vor sich hin. <Vater>, sagte die geläuterte Tochter sich aufrichtend, noch immer Tränen in den Augen, <Vater, von nun an entsage ich allem Schönen und allem Reichtum. Lass mich bei dir bleiben und mich um dich kümmern, wie es meine Pflicht ist.> Gerührt lächelte der Vater, und auch in seinen Augen waren Tränen. <Na, na, Kind, jetzt bist du ja wieder da; jetzt wird schon alles wie früher>. Zufrieden schloss er die Augen und lehnte sich zurück. Er hatte seine Tochter wieder, was brauchte er noch mehr. Und so lebten die beiden glücklich beisammen, der alte Vater liebevoll von der Tochter umsorgt, bis er schließlich starb. Viele glückliche Stunden hatten sie gemeinsam verbracht, und die Tochter hatte viel von seiner Weisheit gelernt. So lebte auch sie, nach seinem Tod, sehr zurückgezogen. Dort in der Einöde, bei Kum-Kum-Nah, dem Ort an der Weltkante. Und wenn sich bei dämmern die Sonne und die Sterne einander zuneigten, und die Nebel den Abgrund vor ihren Füßen verschlangen, dann dachte sie an ihren Vater. Sie wusste nun dass Reichtum und Geld nicht alles waren um Menschen glücklich zu machen, sondern dass sie vielmehr oft nur Unglück brachten. Und sie wusste auch, dass eines Tages die Menschen dies begreifen würden. Dann würden auch sie alle glücklich sein. Und sie lächelte leise. Wandte Kum-Kum-Nah den Rücken zu und ging in die Nacht hinein. Denn sie war glücklich, und nichts von ihrer Prunk- und Herrschsucht war ihr geblieben.> 


Die letzten Worte gingen wie ein Gemurmel durch die Menge, als sie von unzähligen Mündern mitgesprochen wurden, wie auch bereits der Anfang. Alle kannten sie die Geschichte. 

Yena lächelte leise. Sie fühlte sich so geborgen und aufgehoben. So viel gab ihr diese Geschichte zu denken, und sie begriff langsam, dass sie in der Stadt wohl an so manchem falsch gelegen hatte. Hier draußen waren die Menschen viel glücklicher. Sie hatten das wahre Leben erkannt. 


Für einen Moment schloss ich einfach nur die Augen und wandte mein Gesicht dem Nachthimmel zu, so wie ich mir vorstellte, dass jenes Mädchen in der Geschichte, und auch ihr Vater, es am Schluss getan hatten. Ich lächelte leise. Ja, hier war ich glücklich. Ich vermisste die Stadt immer noch schmerzlich, und auch Mia und die anderen; oft träumte ich davon … Doch heute Nacht wollte ich nicht daran denken. 


Danach wurden noch andere Geschichten erzählt. Ein Mädchen erzählte eine aben-teuerliche Geschichte vom Leben in den großen Bergen. Ein kleiner Junge, vielleicht so alt wie Kim, träumte von einem aufregenden Reiterleben, mit Pferden in der weiten Ebene. Teresa erzählte eine Geschichte von einem Prinzen aus Curuh-ma´-Sull …  Doch keine blieb mir so gut in Erinnerung, wie die von Sarah, in der so viel Wahrheit steckte. 

Sarah. Noch immer war sie mir ein Rätsel. Oft schon hatte sie mit mir gesprochen, und auch zwischen uns hatte sich eine gewisse Freundschaft entwickelt, wenn auch nicht so wie zu Marie. Und dennoch blieb sie mir immer ein Rätsel. Ihre Art zu sprechen, ihre nur ihr eigene Logik, ihre klugen Anweisungen und die Art wie sie uns alle führte. Wir alle vertrauten ihr. Sie war unsere Familie. Wo Sarah war fanden wir uns am Feuer zusammen, fanden dort ein warmes Herz. Kurz, wir waren eine Gemeinschaft, doch ohne ihre liebevolle Hilfe und Führung, wäre diese Gemeinschaft wohl nicht zu dem geworden, wie sie jetzt war. 

Sarah hatte ihre eigene Art. Sie konnte so unbändig lachen wie niemand sonst, und doch konnte man so vollkommen ernst mit ihr reden. Wer Kummer hatte, dem lieh sie ein Herz, wer von den Kleinen hingefallen war und weinte, den tröstete sie. Sie hatte etwas an sich, dem sich keiner entziehen konnte. Doch mit all ihrem offenen Wesen, war ihre Persönlichkeit doch so komplex, dass ich sie nicht zu ergründen vermochte. 








6. Kapitel 




An einem jener Abende kam Sarah plötzlich zu mir. Es war noch während der allgemeinen Gesprächsrunde, während alle plapperten und ihre großen und kleinen Geheimnisse und Sorgen, ihre Erlebnisse des Tages austauschten. Plötzlich setzte sie sich neben mich. Einfach so, als wäre es ganz natürlich. Ich weiß nicht, woher sie plötzlich aufgetaucht war; sie war eben einfach da. (Sie hatte ihre eigene Art). 

Sie lächelte mich an. So direkt. Ein Lächeln, das nur mir gehörte. Sie hatte eine Art einen nur mit Blicken zu umarmen. – Mir wurde ganz warm ums Herz. 

<Wie geht es dir?>, fragte sie mich ruhig, <Du bist immer so still>. Sie lächelte wieder. Ein bisschen scheu lächelte ich zurück. <Hier ist es schön>, gestand ich. <Dennoch sehne ich mich manchmal zurück. Es ist nicht mehr so schlimm wie früher … aber trotzdem. - > Ich schwieg. Doch als sie nichts sagte fuhr ich fort zu sprechen. 

<Manchmal träume ich. Nicht so wie in manchen eurer Geschichten - > (ich hatte mittler-weile noch viele mehr gehört) < - nein, keine Wunschträume, sondern richtige Träume. Nachts wenn alle schlafen. 

Manchmal sehe ich mich auf einer Grünen Wiese – obwohl ich eigentlich noch nie eine richtige Wiese gesehen habe. Mit Sonnenschein. Und dann beginnt sich die Wiese immer schneller vor meinen Augen zu drehn. So als würde sie jemand ganz und gar umgraben in meinem Kopf. Dann sind es plötzlich die Mauern von Sarahmau. Nicht mehr strahlend weiß wie früher, so schön und stolz. Jetzt sind sie grau. Leblos, tot. Sie drehen sich und neigen sich nach innen, so wie die Wiese vorher. Sie scheinen auf mich herabzustürzen. Ich möchte sie aufhalten; doch ich kann die schweren Mauern nicht nach oben stemmen, immer weiter neigen sie sich nach unten, scheinen über mir zusammenzustürzen. Mein geliebtes Sarahmau.> 

Ich schwieg für einen Moment. 

<An dieser Stelle wache ich meistens auf>. 

Ich sprach nicht weiter. 

Sarah hatte den Arm um mich gelegt. <He, es ist OK!> Ihre Stimme war so tröstend. <Deinem Sarahmau wird nichts passieren; es war nur ein Traum. Du wirst sehn, diese Träume vergehn mit der Zeit. Es ist nichts schlimmes immernoch zurück zu wollen. Wir haben alle das gleiche durchgemacht. Aber deine Zukunft liegt hier bei uns – wie dein Herz. Du wirst sehn … >. 

Sie hatte meinen Kopf an ihre Schulter gelegt. 

<Nur nicht aufgeben, das schaffen wir schon. Ein bisschen Heimweh ist normal, das kommt auch Jahre später noch vor.> 

Wir schwiegen wieder für eine Weile. 

Dann wagte ich eine Frage. 

<Sarah?> <Hm?> 

<Träumst du nie?> 

Sie antwortete nicht, sondern sah weiter schweigend in die Nacht hinaus. Ich kannte sie mittlerweile und ließ ihr ihre Zeit. 

Nach einer Weile sprach sie. 

<Doch Yena, doch, ich träume manchmal. Doch es sind andere Träume als die deinen. Träume die ich nicht verstehe.> 

Stille. 

<Sie scheinen wie wirkliche Erinnerungen, aber in meinem Leben ist nichts dergleichen passiert. Auch sind die Gedanken oft nicht die meinen … >. 

Ich erschrak. Was konnte sie nur meinen? 

<Oft stehe ich auf den Klippen, aber ich fühle mich nicht wie ich selbst. Dann sehe ich ein Schiff kommen – doch auch das ist unmöglich. Ich träume von einem Bruder, doch ich hatte nie einen. Und oft scheinen die Gedanken, die ich denke, die Dinge, die ich tue, nicht die meinen zu sein. … Früher hatte ich solche Träume nie; ich kann es mir nicht deuten.> 

Wieder Schweigen. 

<Hattest du jeh solche Träume?>, fragte sie mich. Ich schüttelte stumm den Kopf. Sie nickte nur, als hätte sie nichts anderes erwartet. 


An jenem Abend saßen wir noch lange zusammen und erzählten einander von Dingen die uns bewegten. Sie sprach viel von ihren Träumen. <Am häufigsten kenne ich jenen mit dem Schiff>. Sie grübelte vor sich hin. <Wenn ich nur wüsste, wer dieser Bruder ist, was es mit ihm auf sich hat … >. 

Dann erzählte sie mir den Traum, und auch noch einen anderen, den sie einmal geträumt hatte und noch nicht vergessen konnte. 

Der zweite Traum ging folgendermaßen: 


Sie stand an einem hohen gewölbten Fenster. Vom Turm aus sah sie auf die rauchende Stadt hinab, wie sie in all ihrer Grauheit dalag. (Doch sie sah anders aus als in ihrer Erinnerung.) Drüben im Nachbargemach wusste sie ihren Gemahl – wie seltsam. Sie hatte sich eingeschlossen .Sie wollte allein sein.

Griesgrämig sah sie auf die graue Stadt hinaus wie sie so traurig da lag. - Ihre Stadt, an Geburt und Name. -  Unten gingen Menschen in den Straßen umher, wie Spielfiguren, von ihr gelenkt. – Sie lächelte grimmig. So lang schon war sie Spielerin gewesen. Oh, wie dieses Spiel sie anwiderte; genau wie ihr Gemahl. – Doch diese Gedanken waren nicht Sarahs, dass wusste sie… -

Blind ließ sie das wirre Bild der Stadt an sich vorbeiziehn, während sie weiter aus dem Fenster sah. – So blind für diese Welt – Nein, sie wollte hier nicht bleiben. Hier fand sie keine Freude mehr (ihr Gemahl war verwirrt und die Wächter taub). Schaudernd wandte sie sich ab und ging zu einem Wandschrank hinüber. Sie entnahm ihm eine kleine Flasche mit grüner Flüssigkeit – Gift – grün wie ihr Blut - .Eine Weile sah sie die Flüssigkeit nur ratlos an; dann entkorkte sie die Flasche und nahm einen schnellen Schluck.

Sie schauderte wieder. – Nein, für Reue war es jetzt zu spät. Stumm wandte sie sich ab, die Flasche noch auf dem Tisch, und ging zurück zum Fenster. Kälte floss durch ihren Körper. Sie sah wieder hinaus. Nein, sie würde es nicht bereuen ihren Mann zu verlassen – er würde ihr verzeihn. Nur der graue Nebel vor den Fenstern und die graue Stadt Sarahmau – <Mein!>, dachte sie, <mein an Geburt und Name … >. Dann schloss sie die Augen.


Als Sarah mir diesen Traum erzählte war sie ganz bleich. Er verstörte sie offensichtlich. Sie sagte, sie hätte den Traum noch niemandem erzählt, ich solle ihn für mich behalten. Ich verstand sie; ein solcher Traum hätte mir auch einen gehörigen Schrecken eingejagt. – Allein schon fremde Gedanken zu haben …

Ich zog sie sanft an mich. Auch die starke Sarah war manchmal schwach, und brauchte Hilfe. Das begriff ich in diesem Moment.


Wir schwiegen, und die Nacht wurde dunkler und dunkler – aber es machte nichts, denn es war ohnehin schon stockfinster; und nur das lodernde Feuer erhellte die Nacht, ge-schützt und verborgen in unserem kleinen Kessel. Hinter uns rauschten die leisen Stim-men, uns verführerisch in den Schlaf gaukelnd. Doch ich war nicht müde, und auch meine Wissbegierde war noch nicht gestillt.

Nach einer Weile wagte ich schließlich noch eine Frage zu stellen, die mich in Wahrheit schon eine geraume Zeit beschäftigt hatte.

<Sarah, warum hat mich eigentlich keiner gefragt, wofür ich verbannt wurde?> Ich schwieg ein bisschen ängstlich.

Verwundert sah sie mich an. <Warum hätte dich jemand fragen sollen. Was dort passiert ist spielt jetzt keine Rolle mehr. Hier fängt ein neuer Lebensabschnitt an. Keiner verlässt die Felsen, wie er sie betreten hat. Und außerdem braucht es oft keinen wirklichen Grund, um verbannt zu werden. Und wer wirklich etwas „schwerwiegendes“ getan hat, der hat vielleicht etwas gesagt oder getan, von dem sie glauben er könne dem Regime schaden. Warum sollten wir also so vorurteilsbeladen sein wie sie, und Menschen nach dem beurteilen – nein, verurteilen -, was in ihrer Vergangenheit passiert ist.>

Sie schwieg wieder. Wie weise sie klang! Ich bewunderte sie sehr.

Offensichtlich spürte sie meine Unruhe. Deshalb sagte sie beschwichtigend: <Wenn du dich aussprechen möchtest, kannst du das jeder Zeit tun; aber wir werden dich zu nichts drängen. Das muss dir bewusst sein, Yena. Du musst uns über nichts Rechenschaft ablegen>. Sie lächelte beruhigend. 

Ich lächelte ein bisschen unsicher zurück; dann sprudelte es plötzlich alles aus mir heraus.

<Ich habe Papiere gestohln, das heißt, eigentlich habe ich sie gar nicht gestohln – ich habe sie auf der Straße gefunden und als Schreibpapier aufgehoben -; aber dann warn es wichtige Papiere, und es gab eine Durchsuchung und oh - natürlich wurden die Papiere bei mir gefunden; ich hatte sie ja aufgehoben, und wusste es nicht mal; dann gab es eine Ge-richtsverhandlung, und – oh! … >. 

Sie hatte die Arme um mich gelegt und wiegte mich sanft, wie ein kleines Kind (dabei war sie vielleicht zwei Jahre älter als ich). Ich schluchzte leise an ihrem Hals. Es tat so gut, sich endlich auszusprechen, nach all der Zeit; – ich hatte geglaubt zu platzen. (…) Dann erzählte ich ihr leise schluchzend die ganze Geschichte.

Als ich mich wieder beruhigt hatte, begann sie zögernd zu sprechen. Zuerst verstand ich nicht, was sie sagte, doch dann begriff ich, dass sie mir nun ihrerseits ihre Geschichte erzählte. Ich hatte sie nicht darum gebeten, doch sie tat es so ganz natürlich. Vielleicht sah sie es als eine Art Gegenleistung, oder mir ihr Vertrauen zu zeigen, oder sie wollte mir damit einfach nur helfen. Das war es wahrscheinlich am ehesten.



Sarah 


<Ich war drei, als ich verbannt wurde – für meinen Namen. Sarah, der verbotene Name -, warum haben sie nie erklärt. Damals wusste ich aber zunächst noch gar nicht, dass ich Sarah hieß. Ich war drei und alle nannten mich Semai - was auch mit S anfängt. Ich lebte bei meinen Verwandten, Onkel und Tante glaube ich – meine Eltern waren schon tot … Ich weiß nicht ob ich sie überhaupt jemals gekannt habe.>

(Schweigen)

<Ihre Gesichter sind so fern … meine Tante hatte dunkle Haare, schwarz ihr Gesicht umrahmend – wenn ich es mir nur herbeirufen könnte – 

ja, schwarze Haare, das weiß ich sicher, so ungleich Mutter und mir. Sie muss die gleichen hellen Haare gehabt haben wie ich jetzt. – 

Onkel rauchte Pfeife. Das weiß ich noch – wie ich diesen Geruch hasste …

Doch nein, es ist alles schon so fern. Wie unscharfe Bilder.

Vage kann ich mich noch erinnern, wie alles anfing. 

Ich war drei und alle nannten mich Semai. Doch eines Tages  als ich im Haus spielte, fand ich durch Zufall ein altes Notizbuch. Ich blätterte darin, in der kindlichen Hoffnung, es enthielte Bilder. Doch bis auf einige kunstvolle Schnörkel gleich zu Beginn, um einen klei-nen Text gerankt, war das Büchlein nur mit kleingeschriebenem Text in sauberer, gera-der Schrift gefüllt. Aus Mangel an anderer Beschäftigung, blätterte ich dennoch fröhlich weiter und ließ die Seiten vorbeisausen. Welch kindliche Freude ich an dem Spiel hatte. –

Doch dann kam meine Cousine – sie war schon acht und konnte lesen – zur Tür herein und wollte mich meines neugefundenen Spielzeugs berauben. <Vater!>, schrie sie, <Semai hat ein Notizbuch!>. Meine gutmütige Tante erschien mit einem Stapel Wäsche auf dem Arm. Sie warf nur einen flüchtigen Blick auf das Notizbuch, dann fuhr sie in der Arbeit fort. <Ach, das ist nur das alte Notizbuch ihres Vaters. Lass sie doch, sie wird eh nichts damit anfangen können.> Meine Cousine überließ mir widerwillig meinen neuen Schatz. Doch es plagte mich, dass ich nicht wusste, was Vater in das Notizbuch geschrieben hatte.

Schließlich überredete ich meine Cousine, dass sie mir die erste Seite vorlas, die mit den Schnörkeln. Ich weiß noch gut, wie ich sie stundenlang plagte, und ewig nörgelnd an ihrem Ärmel hing, bis sie endlich entnervt nachgab. Abends brachte ich ihr das Notizbuch – unter keinen anderen Umständen hätte ich es hergegeben - und sie versuchte mühsam beim Schein einer Kerze die Schrift zu entziffern. Die Worte habe ich bis heute nicht vergessen, auch wenn ich sie damals nicht verstand.

<Fi-fill-eicht wierst du die-ses B-uch eines T-a-ge-s f-ff-inden. Vfer-wendte es guu-t. I-ch hab dtich  l-lieb.> > 

Sarah hatte die Worte mit dem Finger geschrieben, während sie sie sprach. Auf dem harten Fels blieb natürlich nichts zurück, aber sie brannten sich so besser in die Vorstellung.

<Du musst meine Cousine entschuldigen, aber sie war nie sehr gut im Lesen, und die Schrift war wahrscheinlich auch altmodisch>. 

Sie schwieg. 

<Ein Stück weiter unten standen die Worte, die eigentlich wichtig waren. 

<fue-hr ma-eine T-och-ter Sa-rah> 

(damals wusste ich noch nicht, dass man Sarah mit h schreibt, man hört es ja nicht). 

Meiner Cousine wurde scheinbar klar, dass sie etwas gesagt hatte, was sie eigentlich nicht sollte. Sie verbesserte sich schnell: <meine Tochter Semai – die Tinte ist schon halb verwischt>. 

Doch ich hatte begriffen, dass es kein Verleser war. 

<Also heiße ich gar nicht Semai!>, krähte ich heraus, <du hast gerade gesagt „meine Tochter Sara“ – das Buch ist von meinem Vater!> 

Ich sah sie triumphierend an. 

Doch sie wirkte wenig beeindruckt. <Unsinn>. Energisch klappe sie das Buch zu und ging. 

Danach weigerte ich mich auf Semai zu hören; ich sagte allen ich hieße Sara, und sie müssten mich auch so nennen. Meine Tante und mein Onkel versuchten mich zum Schwei-gen zu bringen. Sie erklärten mir dass Sarah ein verbotener Name ist, und dass ich nach jenseits der Mauer kommen würde. Das ängstigte mich. Doch ich gab nicht nach – ich glaubte ihnen nicht - ; ich wollte bei meinem richtigen Namen genannt werden. Trotzig fragte ich, <Warum habt ihr mich überhaupt Semai  genannt, und nicht Sara?!> Sie zuck-ten nur die Schultern, <es war der Name deiner Mutter>. 

Danach erfuhren schnell die Autoritäten von alledem, da ich überall herumkrakelte ich hieße Sara, und auf nichts anderes mehr hören wollte – oh es war schlimm mit mir. Dass ich erst drei war störte die Herrscher nicht, und auch nicht die Senatoren oder Richter – verbotener Name war verbotener Name, und wer sich nicht fügte wurde verbannt – das hast du ja selber nur zu bitter erfahren.> 

Sie schwieg einen Moment. 

<Erst jenseits der Mauer erfuhr ich, dass man Sara mit h schreibt, und ebenso den Grund für das Verbot – Sarah, wie Sarahmau; so sagen jedenfalls die Herrscher.> 

Sie schwieg wieder, und ich glaubte sie hätte schon geendet. 

Da fuhr sie plötzlich fort. 

<Auf gewisse Weise war es auch meine Schuld, dass Déa und Nina hier sind. – Auch wenn heute keiner von uns noch davon spricht. Wir sind froh, dass wir hier sind … . 

Die beiden waren schon damals meine Freundinnen(auch wenn sie älter sind) und standen treu zu mir. Sie warfen Steine gegen die Gerichtsfenster und erhielten eine Verwarnung. Fast vier Jahre später wurde Déa verbannt. Sie mischte das Ganze wieder auf und wollte mich zurückbringen. Keiner der Herrschenden hörte das gern und sie wurde schnell beseitigt. – Auf die Art der Stadt. Danach kam Nina. Sie wollte sich nachts auf die Mauer schleichen und eine Strickleiter zu uns herab lassen, mit dem irrwitzigen Plan uns zu befreien. (Hätten wir davon gewusst, wir hätten sie zu hindern versucht). Sie wurde natürlich erwischt und landete damit bei uns – nicht wir bei ihr, wie sie gehofft hatte. – Sie war damals fast neun. Das Ganze lief still und ohne Aufsehn ab, man wollte nicht, dass die Öffentlichkeit davon erfuhr – du wirst also kaum etwas davon gehört haben>. Ich nickte. In der Schule hatte ich gehört, die letzte Verbannung sei vielleicht zehn Jahre her – aber beim Alter der Kinder hier konnte das kaum möglich sein. 

Danach schwiegen wir und lauschten den Stimmen der anderen. 


Später kam Marie zu mir, sie setzte sich neben uns. <Da bist du ja, Yena, ich hab dich schon gesucht. Hast du gehört was Phil vorhin erzählt hat? …> 

Sarah sah auf. Dann stand sie ruhig auf. <Gut>, lächelte sie. <Ich geh dann mal wieder zu meinem Platz; ich will euch zwei ja nicht länger stören. – 

Komm morgen früh gleich zum Wasser, Yena; Marie soll dich begleiten. Dort erklär ich dir dann verschiedenes. – Ich seh ja schon die ganze Zeit, wie du nach der Lösung so mancher Rätsel lechzt>. Sie lächelte leise. Dann wandte sie sich ab und verschwand in der Nacht. Nur um einen Moment später, auf der anderen Seite des Feuers, wieder aufzutauchen. 

                  Fragend, und ein wenig unsicher, sah ich Marie an. Diese strahlte. <Morgen ist dein wichtigster Tag>. Dann schwiegen wir beide. 

Später begannen wir wieder leise zu reden und zu lachen, bis wir schließlich als erste schlafen gingen. Denn wenn Sarah <morgen Früh> sagte, dann meinte sie auch früh, und nicht später Vormittag oder früher Mittag. Wir waren es nicht gewöhnt, so früh aufzustehn und würden den Schlaf brauchen. 

Eingerollt in meine Decke lag ich noch kurz wach, fiebrig vor Erwartung. Was würde ich morgen früh erfahrn … 










7. Kapitel 




Als Marie mich weckte, war es noch neblig grau. Ein klammer kalter Morgen im Herbst.  

Ich weiß nicht, wie Marie wusste, wann es Zeit war aufzustehn – ich konnte es nicht, und hätte sicher verschlafen. Sie musste eine Art innere Uhr haben. 

Wir schürten die letzte Glut des alten Feuers, und wickelten uns zur Unterstützung in die Decken, um die Kälte ein wenig besser abzuhalten. Von den anderen war noch niemand draußen, auch wenn in manchen Höhlen Bewegungen wahrzunehmen waren. Marie er-wärmte einen Rest Suppe von Gestern, während ich grübelnd in die Glut starrte, und ihr half so gut ich konnte. Sobald wir unsere Suppe gegessen hatten, achteten wir darauf, dass das Feuer nur noch glimmte – kein Grund Holz zu verschwenden, wenn es keiner brauchte. Dann brachen wir auf. 

Wir liefen auf Pfaden, die ich zuvor nie betreten hatte. Meine Orientierung im Gewirr der Felsen war immer noch nur gering, und mein täglicher Bewegungsraum sehr klein. Wir benutzten nicht den Pfad, den wir nahmen, wenn wir zum Waschen gingen, sondern gingen anders zum Wasser. Auf diesem Pfad war ich noch nie gewesen. Ich war nun völlig auf Marie angewiesen. Hätte ich allein zurückfinden müssen, ich hätte mich gnadenlos verirrt. Bis jetzt war ich kaum über unseren kleinen Kessel hinaus gekommen. Dieser Pfad führte offensichtlich in einen abgelegeneren Teil der Felsen. (…) 

Nach einiger Zeit öffneten sich die Felswände zu beiden Seiten und wir kamen ans Wasser. Der Boden fiel schnell ab, doch nicht zu steil, sanft in die spielenden Wellen übergehend. Und dort, halb ans Ufer gezogen, lagen zwei kleine Boote. Ich staunte. Sie waren wie Ruderboote gebaut, hatten jedoch offensichtlich mehrere kleine Segel. Wie ein Schlag traf es mich: <auch am Wasser aber woanders, Segel flicken und Wind bespre-chen>. Das also war die Lösung. Die Kinder von jenseits der Mauer (als ich diesen Gedan-ken hatte, dachte ich überhaupt nicht daran, dass ich nun auch dazu gehörte und es nun eigentlich „wir“ war) hatten tatsächlich Boote. Wie wahnsinnig rasten meine Gedanken: Sie fuhren wahrscheinlich nachts, denn sonst hätte der Mond keine Rolle gespielt. Doch je mehr Licht es gab, desto größer war auch die Gefahr entdeckt zu werden, <die Wächter würden uns sehn>, deshalb mieden sie den Vollmond. 

Vor lauter Aufregung hatte ich außer den Booten überhaupt nichts mehr wahrgenommen. Jetzt erst sah ich Sarah und Déa, gemeinsam mit Phil und ein paar anderen Jungen und Mädchen. Sie standen da, die Arme verschränkt oder aufgestützt, sahen sie mich an, leise lächelnd, meine Reaktion beobachtend und prüfend. 

Als sie sahen, dass ich sie bemerkt hatte, kamen sie auf mich zu. Sarah umarmte mich sanft. <Du hast dich nach Antworten gesehnt; hier sollst du die Lösung einiger Rätsel finden.> 

Sie wies auf die Boote. <Sieh! Unser ganzer Stolz. Mit diesen Booten fahren wir nachts ans andere Ufer, dann sammeln wir Beeren und Wurzeln in den Wäldern, und alles was wir sonst noch brauchen. Doch wir können nicht ständig übersetzten; das Risiko wäre zu hoch. Wenn die Wächter uns entdeckten, würden sie uns sofort hindern und unsere Boote vernichten.> 

Sie wandte sich den Booten zu. 

<Aber was macht ihr, wenn ihr wirklich einmal gesehen werdet?>, wagte ich ängstlich zu fragen. 

<Keine Sorge, das passiert gelegentlich; aber wenn wir vorsichtig sind, kommen sie uns nicht auf die Schliche. Wir haben noch zwei weitere Boote, die letzte Nacht übergesetzt sind. Wir können immer nur einzeln hinüber fahren, und zwei Boote pro Nacht. Wenn die Wächter uns sichten, können sie nicht genau erkennen, um was es sich handelt. (Die alten Graubärte erzählen immer noch gerne Schauergeschichten über ein großes Tier, das im See lebt, manchmal auftaucht und dann plötzlich wieder verschwindet). Wir müssen dann sofort das Boot versenken und wegtauchen; später können wir alles wieder vom Grund heraufbringen. Wären zwei Boote auf einmal unterwegs, oder vielleicht sogar noch mehr, die Wächter wären sofort allarmiert; es wäre dann auch klar, dass es sich um Boote handelt. Deshalb können unsere Boote nie gemeinsam übersetzten. Wir bleiben immer ein paar Tage am anderen Ufer, gelegentlich sogar bis zu einer Woche, dann fahren wir über die nordöstlichen Ufer zurück, entlang der Ausläufer der Großen Berge. Das dauert zwar länger, aber die Wahrscheinlichkeit gesehen zu werden ist wesentlich geringer; wir können die Boote nicht versenken, weil wir sonst unsere Ernten verlieren würden.> 

Sie hielt Inne und sah mich prüfend an, als überlege sie, ob ich noch Fragen hatte. Und tatsächlich. 

<Also fahrt ihr diese Nacht?> 

<Ja, die andere Hälfte ist schon drüben. Vielleicht hast du bemerkt, dass wieder einmal ein paar fehlen>. 

Das Ganze begann sich langsam in meinem Kopf zu einem Bild zusammenzusetzen. 

<Du wunderst dich wahrscheinlich>, mischte sich nun auch Déa ein. <Aber halt dich fest, es kommt noch besser. Du fährst auch mit. Kannst du schwimmen?> 

Ich verschluckte mich an Luft. <Nein>, stammelte ich, <Warum?> 

Sarah und Déa tauschten einen Blick. 

<Es besteht immer die Möglichkeit, dass wir das Boot versenken müssen. In diesem Fall solltest du schwimmen und tauchen können.> 

<Es hilft nichts> stellte Sarah fest, <Du wirst heute noch schwimmen lernen müssen – auch wenn das Wasser zu dieser Jahreszeit schon kalt ist. Marie, vielleicht kannst du Yena helfen.> 

Zum ersten Mal, seit wir hierher gekommen waren, sah ich Marie an. Sie lächelte wieder auf ihre Art. Sie liebte die Felsen und den See, und auch ein grauer Morgen wie dieser war genug zum träumen. Ich sah wie sie sich für mich freute, während sie so vor sich hin träumte. Es machte ihr nichts, dass sie mir helfen sollte; sie war gerne hier. 


An diesem Vormittag lernte ich schwimmen und tauchen, so gut das eben in so kurzer Zeit möglich ist. Nachmittags machten mich Sarah und Déa mit den Booten vertraut. Ich lernte, wie man die kleinen Segel setzen und einholen konnte. Wie man ruderte. Und noch so manches andere, wofür in meinem Kopf doch eigentlich schon nicht mehr genügend Platz war, nach so viel Neuem . Abends schliefen alle, die teilnahmen, noch ein wenig. Die meisten kannte ich nicht, Marie kam jedoch ebenfalls mit. Schließlich ging der düstere Abend in die Dunkelheit der Nacht über. Die Schatten wurden immer schwärzer. Als der Mond aufging, brachen wir zum Wasser auf und taten noch ein paar letzte Handgriffe – denn auch wir brauchten Licht. 

Dann war es soweit und wir schoben das erste Boot (mit dem auch ich fuhr) ins Wasser. Beim Schein des Mondes fuhren wir über den stillen See. Es war ein bisschen gespenstisch. – Ich war noch nie auf einem Boot gewesen, und es schaukelte leicht, wenn man sich bewegte. Zwei hielten Ausschau nach Anzeichen von Wächtern. Die anderen beiden mussten sich um die Segel und das Ruder kümmern. Als die Segel erst einmal gesetzt waren, hatte ich nichts mehr zu tun. Ich saß in meine Decke gewickelt da uns sah den anderen zu. Ein wenig beklommen ließ ich den Blick über das Wasser schweifen. Wie weit und leer es hier war. Und so still - ; jeder Klang hallte doppelt in der Nacht, weit getragen. Wir schwiegen alle. Die Vorsicht gebot es uns. Nur das leise knattern der Segel war zu hören und ein gelegentliches Plätschern. 

So fuhren wir eine ganze Weile, denn der See war groß – viel größer, als ich jemals gedacht hatte. Die Zeit verging so zäh wie Brei, quälend langsam. Doch irgendwann kamen wir an. Kein Zwischenfall hätte sich ereignet. 

Wir zogen das Boot ans Ufer, versteckten es hinter Büschen und Blättern – nur um sicher zu gehen, auch wenn die Menschen in der Stadt eigentlich nicht so weit sehen können sollten. Ein älteres Mädchen hielt Wache (sie war vielleicht 16). Der Rest von uns wickelte sich wieder in die Decken und schlief. 


Mir kam es so vor, als hätte ich erst die Augen geschlossen, als mich sanfte Hände schon wieder schüttelten und unerbittlich weckten. Es war Marie. 

Ich wusch mich und streckte mich, rieb gewaltsam den letzten Schlaf aus den Augen. Dann erst sah ich mich um. 

Es war ein bisschen ein Schock, auch wenn ich es eigentlich hätte erwarten müssen. Hinter mir war der See, und vor mir erstreckten sich grünbraune Wiesen. Grünbraune herbstliche Wiesen mit wilden Blumen; ohne jegliche Ordnung. Ich staunte. Das waren Wiesen! In Realität waren sie noch so viel deutlicher als nur im Traum. Ehrfürchtig atmete ich den Duft ein, feuchtes Gras, vom Raureif noch steifgefroren. In der Stadt gab es keine solchen Wiesen. Nur mehrere angelegte Gärten mit gepflegtem Rasen, kurz gemäht, so dass man im Sommer darauf picknicken konnte. Freilich hatte ich auch Bilder aus Lehrbüchern gesehn (genau wie von Booten und Wäldern, und allem anderen, was es bei uns nicht gab), aber das waren bloß Zeichnungen. In echt dagegen, in echt … nichts was ich gesehen oder gelesen hatte reichte an eine echte Wiese heran. … 

Noch einmal sog ich den Duft der Wiesen in mich ein, die Augen geschlossen. Dann öffnete ich sie wieder. Langsam sah ich mich noch einmal um, von den reifbenetzten Wiesen und spinnnetzüberzogenen Grashalmen, zum weiten blauen Himmel, zum See hinter mir, so groß und scheinbar undurchmessbar weit, zu meinen Gefährten um eine kleine Feuerstelle. Acht an der Zahl, mich eingeschlossen. Offensichtlich war das zweite Boot auch heil eingetroffen, wann weiß ich nicht. Unter ihnen waren auch Sarah und Déa. Drei waren Jungs (einer war in meinem Boot gewesen), Phil war nicht dabei. 

Jemand reichte mir ein paar mitgebrachte Wurzeln - mehr gab es im Moment nicht. Wir würden zuerst sammeln müssen.  

Bald darauf machten wir uns auf. Wir liefen auf kleinen versteckten Pfaden durch die Wiesen und kamen so zum Wald (der sich über das ganze südliche Ufer erstreckte). Noch war unsere Last leicht, wir hatten nur einen Teil der leeren Körbe mitgenommen. Den ganzen Tag streiften wir durch den Wald. Ich lernte welche Beeren ich pflücken durfte und welche giftig waren. Hatten wir Hunger, so aßen wir einfach was wir pflückten. Als die Körbe voll waren, kehrten wir ins Lager zurück. Erschöpft und zerkratzt, aber zufrieden mit dem Ergebnis. Am nächsten Tag gruben wir nach Wurzeln. – Danach sahen wir zwar aus wie Dreckfinken, aber das machte nichts. Am Abend des dritten Tages füllten wir unsere letzten Körbe. Ich wunderte mich, wie wir das alles in den kleinen Booten verstauen sollten. Doch ich sagte nichts. Abends saßen wir immer am Feuer und aßen frische Suppe aus unserer Ernte. Hier waren die Abende anders. Wir fühlten uns viel zu müde, um noch zu reden. Erschöpft schliefen wir früh ein – und wir brauchten unseren Schlaf, denn wir mussten umso früher wieder aufstehen. 

      Auch diesen Abend unterhielten wir uns nur wenig. Schließlich sagte Sarah: <So, lasst uns schlafen, damit wir morgen ausgeruht zu den Klippen rudern können.> (Denn wir hatten auch Ruder dabei). 

Ich spitzte die Ohren; von den Klippen hatte ich schon gehört. Doch kein Boot konnte an ihren schroffen, steilen Felsen anlegen. So hatten sie jedenfalls in der Stadt gesagt. Ich hoffte irgendeine Erklärung von Sarah zu hören, doch damit wurde ich enttäuscht. Keiner sprach darüber; wir löschten nur das Feuer  und legten uns um die warmen Überreste der Glut. Dann war es still - und ich mit meinen Gedanken allein, neue Rätsel zu lösen. 


Bei Tagesanbruch verstauten wir die Körbe in den Booten. – Wieviel doch hinein passte! – Doch für vier Personen in einem Boot reichte der Platz sicher nicht mehr. Niemand schien das zu stören, sie hatten offensichtlich damit gerechnet. Es beunruhigte sie auch über-haupt nicht.

Je zwei von uns verteilten sich nun auf die Boote. (Ich gehörte dazu). Die anderen blie-ben zurück. Sarah war bei jenen, die blieben, doch Déa saß mit mir in einem Boot. Das beruhigte mich. Zum Abschied riefen sie nur einander zu <am üblichen Treffpunkt!>. Offensichtlich taten sie das regelmäßig. Dann paddelten wir los, und die anderen setzten sich zu Fuß in die gleiche Richtung in Bewegung. 

Eine Weile paddelten wir schweigend. Dann begann Déa zu sprechen. (Endlich erhielt ich Antwort auf all meine neuen Fragen.) 

<Du musst dich schon gefragt haben, warum auf den Felsen nur Kinder leben. In der Stadt sagen, sie immer die Kindersterblichkeit Jenseits der Mauer sei ungewöhnlich hoch. Aber wie du siehst sind wir alle gesund>. 

Sie schwieg, und ich war für einen Moment dem Nachdenken überlassen. 

<Die Stadt interessiert sich nicht für uns, und auch darin liegt wiedermal ein Vorteil, denn sie braucht nicht alles wissen. 

Du wirst dich auch fragen, warum wir zu den Klippen fahren. Es stimmt natürlich nicht, dass man dort nicht landen kann. Das ist Nonsens, wie vieles in der Stadt. Die Klippen-wände sind hoch und steil, aber ihre Oberfläche ist mit Löchern und Höhlen durchzogen. Mittlerweile wohnt sozusagen eine ganze Sippe dort. Seit Generationen gehen Kinder von den Felsen fort, wenn sie erwachsen werden, um in den Klippen zu leben. Und auch ihre Nachfahren leben dort, sodass längst der Großteil der Bevölkerung nicht mehr von den Felsen stammt, sondern nur ein kleiner Teil. Manche, die in den Klippen geboren wurden, gehen auch ganz fort, wenn sie älter werden. Es gibt noch viele andere Orte. So findet man bis heute immer noch ungenützten Platz in den Höhlensystemen der Klippen.> 

Sie sah mich prüfend an, als wolle sie schätzen, wie viel ich noch vertragen konnte. (Dann fuhr sie fort.) 

<Über den Klippen, und noch ein gutes Stück weiter ausgedehnt, liegen Felder. Die Familien der Klippen sammeln nicht mehr wie wir, sie bauen ihre eigenen Feldfrüchte an. Immer wenn wir an diesem Ufer sind besuchen wir sie; dann können wir auch tauschen. Sie stellen beispielsweise Stoffe her, genau wie viele andere Dinge, die wir brauchen. 

Während die Hälfte mit den Körben zurück fährt, bleibt die andere an den Klippen. Zwei bis drei Nächte später kommen die Boote wieder, im sie abzuholen.> 

<Und die anderen, die zu Fuß gehn?>, fragte ich verwirrt. 

<Das Klippenvolk hat auch Boote; sie werden sie abholen, sobald wir ankommen.> 

Danach schwiegen wir lange, jede in ihre eigenen Gedanken versunken. 

Schließlich kamen die Klippen in Sicht. Riesige schroffe Felswände, weit in den Himmel aufragend. Gähnende Löcher durchzogen sie an vielen Stellen, meistens mit bunten Teppichen und Stoffbahnen verhängt. Hier und da hingen Leitern, um von Stockwerk zu Stockwerk zu gelangen. Schmale Laufstege verbanden viele der Öffnungen. – Auch wenn es, Déa zu Folge, innen ebenfalls Verbindungswege geben musste. Einige Felsblöcke lagen im Wasser, den Weg zu den Klippen versperrend. Sie bildeten einen geschützten natür-lichen Hafen, zusammen mit der geschwungenen Küstenlinie, die dort eine Kurve be-schrieb. Ein paar Boote lagen im Hafen – doch keine wie unsere; es musste ja noch eine weitere Gruppe unterwegs sein. Wir legten an. 

Ein paar fröhliche kleine Kinder entdeckten uns zuerst, wie wir unsere Boote entluden. Sie stoben davon und kehrten gleich darauf mit ein paar älteren Kindern zurück, die Erwachsenen im Schlepptau. Wir wurden freudig begrüßt. Schnell waren unsere Boote fertig entladen. Ein Boot war währenddessen davon gepaddelt, um unsere zweite Hälfte abzuholen. Dann wurden wir in Höhlen geführt. 

Es waren einfache Behausungen, viele dienten gleichzeitig als Werkraum, doch für mich, ein Straßenkind, die ich noch nie ein Bett oder ein Regal besessen hatte, war dies eine völlig neue Erfahrung, eine neue Dimension an menschlichem Wohnen. Ein Höhlensystem gleich dem unseren, wenn auch größer, mit Möbeln ausgestatten, und weit mehr auf ein „zivilisiertes“ Leben wie in Städten ausgerichtet, als ich von außen geglaubt hätte. 

Wir trafen auf die Hälfte unserer ersten Gruppe; sie warteten noch auf die Rückkehr der Boote. Wir gesellten uns zu ihnen und halfen ein wenig bei der Arbeit. Später feilschten Sarah und Déa um die Dinge, die wir benötigten. 

Ich gehörte zur zweiten Gruppe für die Rückfahrt, und konnte so noch ein zwei Tage länger auf den Klippen bleiben, bis die Boote zurückkehrten. Ich genoss die Zeit. Es war ein buntes und fröhliches Leben, voll von neuen Eindrücken und Begegnungen. So viele anregende Gespräche konnte man hier führen. So viel Neues dazulernen. (…)  

Ich hätte wohl den Abschied bedauert, hätte ich nicht tatsächlich bereits ein wenig Sehnsucht bekommen nach dem ruhigen Leben auf den Felsen. Mit all seiner Verträumtheit und seinen Geschichten … 

 














8. Kapitel 




In der Zeit nach unserer Fahrt ans andere Ufer entwickelte sich eine enge Freundschaft zwischen Sarah und mir. Und auch mit Déa freundete ich mich an. (Zu wem ich aus dem Dreiergespann immer noch keinen Zugang fand, war Nina; sie lehnte mich weiterhin zurückhaltend ab). 

Oft saßen Sarah und ich beisammen und redeten. Es war eine so ganz andere Freund-schaft als zu Marie – wir waren immer noch gute Freundinnen – doch mit niemand sonst konnte ich so reden wie mit Sarah. Abends saßen wir gemeinsam am Feuer und redeten; manchmal schienen unsere Themen die ganze Welt zu umschließen, und dann wieder nichts. Für jeden Scherz war sie zu haben, jede Blödelei … - nur um im nächsten Moment wieder so wahnsinnig ernst zu wirken. 

Zeit verging, und der Herbst wandelte sich in Winter, dann in Frühling. Doch das Leben auf den Felsen nahm davon nicht all zu viel Notiz. Oft saßen wir gemeinsam in der größten Höhle, wenn es draußen zu kalt war. Es war nun mühsamer Fische zu fangen, da die Ufer des Sees oft zufroren (in dieser Zeit fuhren wir auch nicht ans andere Ufer). Stattdes-sen gab es getrocknete Beeren und Wurzeln aus unseren Vorräten, manchmal Kartoffeln und Kohl von den Klippenleuten, und was wir sonst noch eingelagert hatten. Da die sommerlichen Arbeiten wegfielen, hatten wir nun mehr Zeit zum Geschichtenerzählen. Und so verbrachten wir lange Wintertage vor der Wärme des behaglichen Feuers. Wie-der und wieder den alten Geschichten lauschend, oder einfach nur dösend. 

Oh, welche Geschichten ich hörte! Längst war auch ich in ihren Bann geschlagen. Und manchmal, zwischen Traum und Wachsein, zogen ferne Bilder an meinem Kopf vorbei, vage Ideen für mögliche eigene Geschichten. Doch noch hatte ich nicht die richtige ge-funden, und so lauschte ich nur voll staunen den anderen. Auch meine spezielle Geschich-te würde kommen, so wie auch alle anderen eine hatten, die sie wieder und wieder einander erzählten. 

Sobald das Wetter es zuließ, zogen wir im Frühjahr wieder nach draußen. Wir reparierten die Boote, flickten und richteten, überprüften und reinigten. Und kaum lag das erste mal wieder richtig Frühling in der Luft, waren wir wieder auf zu den Klippen, unsere alten Freunde besuchend. 

So sehr war ich mit all diesem neuen und faszinierenden Leben beschäftigt, dass ich nur noch selten an Sarahmau dachte. Ich hatte das Leben auf den Felsen lieben gelernt und war glücklicher als jemals zuvor. Ich wusste nun, dass ich in der Stadt nicht glücklich gewesen war, ich hatte es nur nicht gemerkt, weil ich auch nicht unglücklich gewesen war. Dennoch sehnte ich mich manchmal nach der Stadt zurück, in stillen Stunden, die ich für mich allein in einer Ecke saß, stumm in eine Decke gewickelt, Ruhe schöpfend nach dem regen Treiben. Gelegentlich träumte ich immer noch jenen Traum mit den einstürzenden Mauern. Dann war meine Sehnsucht am größten. Ich wollte es retten; es durfte nicht vergehn. Doch diese Stunden der Traurigkeit waren selten. 


Seit meiner Ankunft auf den Felsen waren Monate vergangen. Manchmal schien es mir bereits wie Jahre, und manchmal auch nur wie wenige Tage. Später Frühling neigte sich bereits in Sommer. Zeit wilde Gräser und Kräuter zu ernten, und noch so manches andere. 

Wieder einmal fuhr ich mit den anderen ans östliche Ufer, eine Fahrt wie jede andere. Was sich daraus ereignen würde konnte ich nicht ahnen. 

Es war der Morgen des zweiten Tages, seit wir das Ufer erreicht hatten. Wir saßen am Feuer und aßen die Reste der Brennnesselsuppe vom Vortag. 16 Leute insgesamt, also alle vier Boote. Plötzlich hörten wir in den entfernten Wiesen ein Horn. Der Klang klar getra-gen auf dem Wind, aus nordöstlicher Richtung. Ich erschrak; was konnte das nur sein. Doch die anderen sprangen auf und klatschten jauchzend in die Hände. <Das sind sie! Endlich mal wieder ein paar alte Freunde mit guten Geschichten.> Hilfesuchend sah ich mich nach Déa um, da weder Sarah noch Marie da waren. 

Sie fing meinen fragenden Blick auf. 

<Das sind alte Freunde von uns>, erklärte sie. <Jäger und Fischer aus Curuh-ma´-Sull. Sie kommen manchmal hierher, weil ihre Vorfahren von den Klippen stammen: viele die fortgehen, gehen nach Curuh-ma´-Sull.> 

Ich erschrak. Curuh-ma´-Sull, das war unsere von jeher verfeindete Stadt. Sie hatten Sarahmau nie etwas Gutes gewollt. Was würde die Stadtverwaltung sagen, wenn sie erfuhren, dass die Späher bereits bis am anderen Ufer waren, wo sie sich doch sicher glaubten, solange sie nicht den See überquerten und so Fuß in Richtung der verfeindeten Stadt setzten … . (Ich hatte in diesem Moment vergessen, dass ich ja nicht mehr zu Sarahmau gehörte.) 

<Reg dich nicht auf>, versuchte Déa mich zu beschwichtigen. Offensichtlich sah man mir meine Gefühle an. <Es ist nicht alles so, wie sie es einem in der Stadt immer weißmachen wollen. Curuh-ma´-Sull hat Sarahmau noch nie etwas getan oder sonst irgendwie die Stadt bedroht oder beleidigt.  Und unsere Freunde sind auch keine Spitzel. 

Curuh ist eine freie Stadt, viel freier als Sarahmau. Die Leute dort sind nur gegen die Regierung von Sarahmau, nicht gegen die Leute. Weil es eine Diktatur ist; Yena, hast du schon jemals etwas davon gehört, dass in Sarahmau nach dem Willen des Volkes gefragt wurde? Oder in den verbündeten Städten, Cara, Ora, Kum? Nein Yena, diese Städte sind Diktaturen, mit einem unterdrückten Volk. Und das alles ging ursprünglich von Sarahmau aus, vor vielen 100 Jahren. Deshalb sind die Menschen von Curuh-ma´-Sull auch gegen die Situation in Sarahmau.> 

Sie schwieg und sah mich an. 

<Du darfst nicht alles so aus der Sicht deiner alten Heimat sehn; du gehörst jetzt zu uns. Hör dir ihre Geschichte an, und was sie an Sarahmau auszusetzen haben. 

Du wirst schon sehn, es sind alles gute Leute. (…) 

In zwei Tagen gehen wir zu den Klippen, dort wirst du sie ohnehin kennen lernen.> 

Und so geschah es. Zwei Tage später, am vierten Mittag seit unserer Ankunft, holten wir unsere Ruder hervor und brachen nach den Klippen auf. Ich war bei der zweiten Gruppe, und so hatte ich noch ein Stück Fußmarsch zum grübeln, bevor wir mit einem Boot abge-holt wurden. 

Mir war flau im Magen, als die Klippen in Sicht kamen. Was würden das wohl für Men-schen sein? Hatte Déa tatsächlich Recht? Ich hatte zuvor noch nie an ihr gezweifelt, und wollte es auch jetzt nicht tun. 

Sie hatte natürlich Recht. Die Jäger und Fischer waren allesamt nette und fröhliche Leute. Vier Junge Burschen und ein Mädchen, in grünliche Farben gekleidet. (Nur ein älterer Mann war dabei.) Das Mädchen hieß Tessa, sie war vielleicht 18. Ich mochte sie sofort. Sie hatte so eine offene, fröhliche Art. Ihre Augen lachten, wenn sie sprach, und auf den Wangen hatte sie Grübchen. 

Sie erzählte mir von ihrer Stadt. Ich staunte. Wie groß und schön Curuh-ma´-Sull sein musste. Und wie viele Freiheiten die Menschen dort hatten. Sie mussten nicht einmal um Erlaubnis bitten, um die Stadt zu verlassen. … 

Schließlich kam das Gespräch auch auf die Feindschaft der beiden Städte. 

<Curuh hat nie einen Groll gegen Sarahmau gehegt>, brummte ein hochgewachsener Jüngling. <Es ist die Unterdrücktheit des Volkes, die wir verachten, das Regime.> 

Tessa pflichtete ihm bei. 

<Wie kann man nur die Menschen in einer Stadt einsperren und sie nie heraus lassen, ohne grüne Wiesen und Flüsse!> 

<Eine Schande ist´s.> 

Ich hörte eine Weile zu. Sie hatten ja Recht – dennoch, Sarahmau war irgendwie immer noch meine Stadt. Erst ein beiläufiger Einwurf konnte meine Neugierde wieder wecken. 

< - und das alles ist im Grunde nur die Schuld dieser alten Hexe – sie und ihr verflixter Sand - >. 

Ich horchte auf. 

<Was für eine Hexe?>, wollte ich wissen, <und was ist mit unserem Sand?> 

<“unserem“ Sand>, lachte Tessa leise. 

Der vorige Sprecher, ein Mann mit einer Hasenscharte (er war mit Abstand der älteste), drehte sich nach mir um. Prüfend musterte er mich. 

<Kennst du die Geschichte>, fragte er; er kaute ein wenig auf den Worten, bevor er sie ausspuckte. <die von der legendären Herrscherin Sarah. Sie war eine Hexe, und sie ist Schuld an dem ganzen verflixten Sand, weil sie ihr Volk damit verflucht hat. Deshalb können sie jetzt nicht mehr glücklich sein, das Unglück klebt an den Mauern der Stadt. – Und dabei merken sie´s nicht einmal ->. Er wandte sich verachtungsvoll ab, dann viel ihm noch etwas ein. <Der Bruder war´s, der die Tyrannei aufgebaut hat. Als Sarah und ihr Mann tot warn, hat er das Unglück des Volks ausgenutzt und sie an sich gebunden. Seit-her glauben sie sie wären glücklich, mit der neuen Ordnung. Doch ich sage der Sand ist´s, und der Sand allein, sonst würden sie sich schon wehrn.> Damit wandte er sich nun endgültig ab, ohne mich weiter zu beachten. 

Ich schwieg. Sein erster Satz über den Sand hatte irgendeine Erinnerung in mir geweckt. Etwas von einer Frau, die ihren Mann nicht liebte, und Unglück wie Staub auf die Straßen streute. Es war ein altes Märchen aus der Stadt, an das niemand mehr glaubt. Irgend-jemand würde es sich ausgedacht haben, um all den Sand zu erklären. Und glücklich waren wir ja alle gewesen – auf unsere Art. Die Herrscher hörten die Geschichte nicht gern, doch verbieten konnten sie sie auch nicht gut. – Also mussten sie sie akzeptieren. Die Lehrmeister ignorierten die Geschichte, doch die alten Frauen erzählten sie dafür nur zu gern ihren Enkelkindern. Ich war ein Straßenkind gewesen, ohne Familie. Vage konnte ich mich erinnern in einem Heim gelebt zu haben, als ich noch ganz klein war. Dort hatte gelegentlich jemand die Geschichte erzählt, und auch später, unter den Straßenkindern, hatte ich sie zwei oder dreimal gehört. (…) 

Wir blieben noch ein paar Tage und jeden Abend wurden wundervolle Geschichten ausge-tauscht. So witzig oft erzählt – oh wie ich lachte. Doch in Gedanken sehnte ich mich oft nach Sarah. Ich musste ihr von jener anderen Sarah erzählen, der Hexe. Ob sie die Geschichte kannte? Ich hatte mir meine eigenen Gedanken dazu gemacht. 

Endlich kehrten wir heim; obwohl auch mir der Abschied schwer fiel. Ich hatte Tessa schätzen gelernt. Vielleicht würden wir sie eines Tages wiedersehn. Ich hatte mich bereit erklärt mit der ersten Gruppe zu fahren, so konnte ich schneller zurück und den anderen blieb noch ein wenig Zeit vor dem Abschied. Déa war mit mir. Gemeinsam traten wir die lange Fahrt entlang der Bergausläufer an, mit unserem überbeladenen Boot voll schwerer Körbe. Graue Nebel verschluckten die Bergflanken. Es war nicht immer leicht zu navigieren. Déa saß am Ruder. Mir blieb es zu nach unerwarteten Felsen Ausschau zu halten. Streckenweise mussten wir rudern, weil die Felsen ein Kreuzen gegen den Wind unmöglich machten. (Doch es war sicherer als auf offenem Wasser). Nicht viel Zeit also, um Gedanken Nachzuhängen und von der Arbeit abgelenkt zu sein. Dennoch fragte ich Déa nach einer Weile: <Was hältst du von der Geschichte?> 

<Was für eine Geschichte?>, erwiderte sie. 

<Die über den Staub.> 

<Oh>. 

Sie hatte ihr keine Bedeutung beigemessen, nicht auf unser Gerede geachtet. Nun wusste sie nicht, von was für einer Geschichte ich sprach. 

(Doch Sarah würde verstehn.) 


Zurück auf den Felsen erzählte ich Sarah so schnell wie möglich von der Geschichte.

Tatsächlich konnte ich sie ihr fast ohne Stocken erzählen, da meine intensiven Grübe-leien sie wieder aus den Tiefen meiner Kindheitserinnerungen zum Vorschein gebracht hatten. 

<Und jetzt pass auf>. Aufgeregt beugte ich mich weiter vor. 

<Der Bruder in der Geschichte hat einen langen schwarzen Mantel, der hinter ihm im Wind weht. – Und was hat der Bruder in deinem Traum für einen Mantel … > 

Sie stutzte. 

<Auch einen schwarzen, dessen Säume im Wind wehn. – Aber das kann Zufall sein.> 

Ich schüttelte erregt den Kopf. 

<Aber der zweite Traum. Sarah muss doch im Turm gewohnt haben, alle Herrscher tun das. Und es heißt ja auch ihr Gemahl schloss sich in sein Turmzimmer ein - > 

Sie hob sanft den Arm und schüttelte nur besänftigend den Kopf. 

<Yena, das ist theoretisch alles schön und gut, aber praktisch ist eine solche Verbindung nicht möglich. Was für ein Zufall, das wir den gleichen Namen haben.> 

Sie schwieg – grübelnd, wie ich vermutete. 

<Die Geschichte erzählt nichts davon, dass sie an Gift gestorben sei, noch dazu an Selbstmord. Außerdem wissen wir nicht, ob sie wirklich einmal ihren Bruder auf einem Schiff versenkt hat, noch sonst irgendetwas über die Beziehung der beiden. – 

Lass uns nicht mehr darüber reden, Yena; vielleicht bilde ich mir das alles ja auch nur ein.> 

Sie wusste genauso gut wie ich, dass das nicht stimmte. Meine Vermutung hatte sie jedoch zu tiefst verstört, das sah ich ihr an. Dennoch zweifelte ich nicht, dass ich die Quelle ihrer Träume entdeckt hatte – nicht umsonst würden die Herrscher ihren Namen verboten haben. 


Danach sprachen wir nur noch selten über dieses Thema, doch in meinem Kopf arbeitete ich wie besessen an meiner Idee, wenn auch mir selbst nicht immer bewusst. So sehr beschäftigte mich das ganze, dass ich den beiden Geschichten ein neues, gemeinsames Gesicht gab, und sie in einer Geschichte verschmolz. Meiner Geschichte, so wie ein jeder auf den Felsen eine hatte. Zunächst ganz unabsichtlich webte ich an der Geschichte, und als sie in meinem Kopf fertig gereift war, kam sie eines Abends ganz unerwartet zum Vorschein. 

Wir saßen alle am Feuer und erzählten Geschichten. Als einmal eine längere Pause eintrat, begann ich plötzlich zu sprechen. Bis mir bewusst wurde, was ich eigentlich tat, war ich schon mitten drin in der Geschichte. 


<In einer glücklichen Stadt lebte einst eine kluge Frau. Sie hieß Sarah. Sie war schön und jung, und alle liebten sie. Doch verleitet durch die Mächte des Bösen begann sie Schlech-tes zu tun und trügerische Hexenkünste auszuüben. Ihr blaues Adelsblut wurde grün wie Gift. Diese Frau war die Herrscherin der Stadt – denn ihrem Gemahl nahm sie nur zu gern die Zügel ab. 

Manchmal spielte sie dem Volk böse Streiche und weidete sich an seiner Verwirrung. Doch nie klagte sie jemand an. Und so wurde sie immer übermütiger und verdammte die Stadt ins Unglück. Grauen Staub streute sie auf die Straßen, dass die weißen Steine ihren Glanz verloren. Grauen Staub streute sie auf die Straßen als Sinnbild des Unglücks. Graue Tränen streute sie in die Herzen der Menschen als Quelle der Traurigkeit. 

Dann lachte sie, und ging dies Treiben zu beobachten. Dieses Spiel trieb sie eine Weile, doch dann verlor sie die Lust daran. Sie wurde launisch und fauchte jeden an, der sich ihr näherte. Wollte ihr Bruder sie besuchen, so versenkte sie ihn auf seinem Schiff, wollte ihr Gemahl sie liebkosen oder besänftigen, so bewarf sie ihn mit Verzweiflung. Außer sich und in völliger Raserei steckte sie Teile der Stadt in Brand. Dann schloss sie sich in ihr Turmzimmer ein und sah auf die rauchende Stadt hinab, so grau und trostlos. Sie hatte dieses Leben satt. Ebenso grau wie die Stadt. Sie erinnerte sich an ihre glückliche Ju-gend, längst vergessen im Staub ihrer Tränen. Doch jener edle Pfad hatte sich schon vor langem von ihr abgewandt. Was blieb ihr noch? – Nur der Weg voran in die Dunkelheit. Sie war noch immer jung, doch nach dem, was geschehen war, hatte sie ihr Schicksal verspielt. 

<Nun denn>, sprach sie, <mein Gemahl wird mir verzeihn>. 

Ein letztes mal sah sie auf die graue Stadt hinaus, grau, so grau wie … 

Dann entnahm sie ihrem Vorrat an Hexengebräu eine kleine Flasche mit Gift. Grün wie ihr Blut. Sie trank diese und starb. 

 - Doch ihr Mann konnte ihr nicht verzeihn. Verzweifelt wollte er ihr in den Tod folgen und sie suchen, denn er liebte sie noch immer. So starb auch er – 

Sie aber fand noch keine Ruhe. Denn nach all ihren Sünden war ihre junge Seele noch nicht bereit zum sterben. So irrte die nackte Seele allein durch die finstere Nacht der Traurigkeit. Hilfesuchend, doch ohne Zuflucht. 

So kehrte sie nach langen Jahren der Verlorenheit endlich in ihre Stadt zurück. 

Dort herrschten nun die Nachfahren ihres Bruders, dem Volk alle Freiheiten nehmend. 

Und noch immer lastete der Fluch über der Stadt, den sie ihr im Spaß einst auferlegt hatte. Denn noch immer bließ ein beständiger Wind den Staub wie Unglück durch die Straßen und Traurigkeit in die Herzen der Menschen. – Doch sie, sie merkten es nicht einmal. 

<Nun denn>, sprach die traurige Seele. <Ich bin geläutert. Leit mir eine Stimme und ich werde euch erlösen.> 

In der Stadt lebte ein Mädchen, auch sie hieß Sarah, mit hellen Haaren. Nachts stand sie manchmal allein auf den Klippen, dem letzten Ausläufer der Felsen, die Stadt zum See hin begrenzend. Manchmal hörte sie ein leises Wehklagen in der Luft, ein fernes Singen. 

<Ach – hätte ich ihn nur nicht versenkt>. 

Wenn sie durch die Straßen der Stadt ging, und es war noch früh; so still, nur der Wind der durch die Straßen strich … 

Dann hörte sie manchmal wieder die Stimme: 

<Ach – hätte ich euch nur nicht verwünscht>. 

Und nachts, als sie einmal hoch zum Turm sah, glaubte sie eine kleine Gestalt am Fenster stehn zu sehn, mit hellen Harren wie sie. Die leise murmelte <Ach – hätte ich sie nur nicht verbrannt>. 

Dies ging eine Weile so. 

Dann begann das Mädchen auch noch zu träumen. Sie träumte von all den Sünden, die jene andere Sarah getan hatte. Wie sie ihr Volk verwünscht hatte, ihren Bruder versenkt (wenn auch nicht ertränkt), die Stadt entflammt, und schließlich auch ihren Gemahl in den Tod gestürzt. Sie fühlte, was jene andere Sarah gefühlt hatte, wie sie jetzt Reue empfand. 

<Oh Schicksal!>, flehte sie, <Gib mir Kraft! Lass mich diese Vergehen wieder gut machen, die dennoch nicht die meinen sind.> 

Das Schicksal hörte sie und war ihr gnädig. 

Eines Nachts stand sie wieder einmal an der Klippe auf den Felsen. Da hörte sie wieder jene Stimme. <Du hast mir dein Ohr geliehn für all mein Leid und meine schlimmen Taten. Willst du mir nun auch deine Stimme leihn, so will ich euch erlösen>. 

<Gern>, sprach das Mädchen, denn sie hatte Mitleid mit der armen Seele. 

<Steige morgen bei Mitternacht auf den Turm hinauf. Ich werde dich dort erwarten>. 

So sprach die Seele und verschwand. 

Das Mädchen aber tat wie ihr geheißen. Kurz vor Mitternacht erklomm sie den Turm und wartete dort auf die Seele. Diese erschien Schlag Mitternacht. In Gestalt jener schönen Frau, die sie einst gewesen war. 

Und siehe da, in ihren Adern floss wieder das blaue Blut. 

<Danke>, sagte sie und umarmte sanft das Mädchen. Dann küsste sie sie auf die Stirn. <Danke dass du mir deine Stimme leihst.> 

Dann trat sie ans Fenster und beugte sich hinaus. <Ihr seid frei>, schrie sie, doch sie benutzte nicht ihre eigene Stimme, die keiner mehr hörte, sondern die des Mädchens. Dann beschwor sie einen Wind herauf und ließ ihn all den Staub und das Unglück aus der Stadt fegen. Und mit ihm die Traurigkeit. Als sie geendet hatte, trat sie zurück und schloss das Fenster. Müde kehrte sie zurück zu dem Mädchen. Sie sahen einander in die Augen. Sarah und Sarah. 

<Danke>, sagte die ältere Sarah. 

<Hier hast du deine Stimme wieder>, damit strich sie dem Mädchen durchs Haar. 

Sie sprach wieder mit ihrer eigenen, leisen Seelenstimme. 

Ein letztes Mal sahen sie einander noch an, dann verschwand die Seele. 

Zurück blieb nur das Mädchen. Sie fühlte sich so seltsam leicht. Ihre Stadt war frei. (Denn mit dem Staub waren auch alle Rechte der jetzigen Herrscher verschwunden.) Nun konnte die Stadt frei und glücklich ihrer eigenen Zukunft entgegenblicken.> 


Als Yena geendet hatte, war es totenstill. Keiner sagte etwas. Nur das leise Prasseln des Feuers war zu hören. Sie sah wie Sarah Tränen in den Augen hatte. Dann stand sie plötzlich auf und ging auf Yena zu. Innig umarmte sie sie. <Danke>, flüsterte sie ihr ins Ohr, <Danke für alles>. 










9. Kapitel 




Mit der Zeit wurde mir klar, dass vielleicht mehr Wahrheit in meinen fantasievollen Ideen steckte, als ich zuerst angenommen hatte. Dass mehr Wahrheit in dem Märchen über die legendäre Herrscherin Sarah steckte. 

Jeden Morgen hatten wir unsere Augen entsanden müssen, von all dem Staub. Immer wehte ein Wind durch die Straßen, der den Staub vor sich her trieb. Und obwohl jeden Tag gekehrt wurde, verschwand der Sand nie. 

Was, wenn die alte Geschichte Wirklichkeit war? Wenn es sich wirklich so abgespielt hatte? Dann könnte Sarahmau nie wieder glücklich werden, solange der Staub da war. 

Sarahmau, mein geliebtes Sarahmau! 

Ich wollte es nicht leiden sehn, ich konnte es nicht leiden sehn. Wenn ich ihm nur helfen könnte. 

Dieser Gedanke setzte sich in meinem Kopf fest. Immer hartnäckiger verankerte er sich. 

 - Wenn ich ihnen nur helfen könnte! – 

Ich begriff, dass ich so keinen Frieden mehr finden konnte; ich musste Sarahmau retten, ich musste eine Lösung finden. 

Ich sprach mit Sarah und den anderen darüber. 

<Warum ihnen helfen?>. Sie schüttelten den Kopf. 

<Sie sind doch glücklich. – Waren wir das nicht alle? Lass sie auf ihre Art glücklich sein, so wie wir es auf unsere sind>. 

So sprachen sie und schüttelten nur die Köpfe. 

Oh, wie mich der gerechte Zorn in dieser Stunde ergriff! Doch tun konnte ich nichts, sie waren meine Freunde. Ich begriff nun, dass ich hier keine Hilfe erhalten würde, ich musste die Felsen verlassen und anderswo suchen. Vielleicht würde ich sogar die Seele finden (auch wenn die Geschichte nichts über ihr Schicksal erzählte). 

Ich sprach mit Marie und Sarah darüber. Sicher würden sie mich begleiten. Ich zweifelte nicht. 

Doch oh! die Enttäuschung. 

Marie schüttelte nur traurig den Kopf. 

<Du weißt, wie ich bin, Yena. Ich träume immer nur, aber selbst in die weite Welt hinaus zu gehn und einfach nachzusehn, das traue ich mich dann doch nicht. Ich bin nicht wie du.> 

<Ich hab auch Angst, Marie. 

Aber denk doch nur, die arme Stadt! Unsere Stadt!> 

<Nein, nicht unsere Stadt. Nur eine Stadt. Wir gehören nicht mehr dorthin. Ich dachte immer du hättest das mittlerweile begriffen.> 

Ich schwieg. Schweigend sahen wir einander an. 

<Also kommst du nicht mit?>, fragte ich schließlich leise. Ich hatte auf sie meine Hoffnungen gesetzt. 

Sie seufzte nur. 

<Ach Yena! Ich würde ja, du weißt wie ich dir helfen möchte, und ich denke auch, dass du Recht hast, was den Sand betrifft. – Aber du kennst mich ja. Ich kann das nun mal nicht, von allem weggehen, was vertraut und sicher ist, und einfach in eine fremde Welt hinaus gehen, von der man nichts weiß. Hier ist mein Zuhause. Hier fühle ich mich sicher und geborgen.> 

Ich wusste, dass sie ihre Meinung nicht ändern würde. 

Ich wollte sie auch nicht drängen – das war ich ihr schuldig, nach allem was passiert war, und nach unserer Freundschaft. 

Ich hoffte immer noch auf Sarah. 

Ich fand sie mit Déa im Gespräch. Déa war kritisch. Sie glaubte nicht an die Geschichte. <Kindermärchen>, brummte sie abfällig. Ich wusste, dass ich auf sie nicht mehr hoffen durfte. Skeptisch hörte sie unserem Gespräch zu. 

<Ich glaube nicht daran, Yena. Das weißt du.> 

<Wie kannst du das sagen, es sind deine Träume!> 

<Sicher, aber damit ist noch nichts bewiesen. Träume sind die Ausgeburt von Phantasie.> (Wir wussten beide, dass sie naiver klang als sie war. Sarah war nicht dumm. Und ihre Träume waren ihr nicht egal. Aber für bare Wirklichkeit, wollte sie die Geschichte trotzdem nicht nehmen.) 

<Und selbst wenn, wie willst du denn die Stadt retten. Du wirst wohl kaum einen Gegenzauber finden, geschweige denn die Hexe selbst. Bring dich nicht unnötig in Gefahr, Yena!> 

Ich schwieg und sah sie prüfend an. 

<Wenn ich trotzdem gehe, wirst du mich dann nicht begleiten, sondern schwach sein, wie die anderen?> 

In meiner Stimme hatte ein Hauch Vorwurf gelegen. 

Sie seufzte leise. 

Fest sah sie mir in die Augen. 

<Du weißt, dass ich mit dir gehen würde. Nicht wegen der Stadt, und nicht wegen der Geschichte. Und schon gar nicht wegen der Seele. Sondern deinetwillen, Yena.> 

Sie ließ den Blick über den Kessel und die umliegenden Felsen schweifen. Über ihre Freunde, ihre Familie seit kleinauf. 

Bedauernd zuckte sie die Schultern. 

<Meine Pflichten liegen hier.> 

Sie sah mich wieder an. 

<Ich kann nicht fort.> 

Ich nickte nur. Schweigend sahen wir einander an. 

<Bleib wenigstens noch bis nächsten Frühling.> 

Ich schüttelte nur stumm den Kopf. Mein Entschluss stand fest. Ich hatte das sichere Gefühl, wenn ich jetzt nicht ging, würde ich es niemals tun. 

Stumm zog sie mich in die Arme. 


Ich wollte nicht säumen. 

Zwei Wochen nach meinen Gesprächen mit Sarah und Marie war ich reisefertig. Alle Vorbereitungen waren getroffen. Ich hatte ein kleines Bündel mit Essen, einer Wasser-flasche und Ersatzkleidung. Was hinderte es mich, dass es Herbst war. Ich würde mich von niemandem aufhalten lassen. Ich musste Sarahmau retten. Ich war zu allem entschlossen. 


Es war meine letzte Nacht auf den Felsen, am nächsten Abend würde ich aufbrechen. In nordwestliche Richtung. Lange saßen wir noch am Feuer und redeten. Sarah, Déa, Marie und ich. Manchmal ergriff uns eine Niedergeschlagenheit wegen des nahen Abschieds. Keiner wusste, welcher Zukunft ich entgegensteuerte. Doch dann begannen wir jedes Mal zu schwatzen und lustige Geschichten zu erzählen. Wir wollten nicht traurig sein. Nie war ich dankbarer für die Nähe meiner Freunde, für ihre treue Freundschaft, jede auf ihre eigene Art. Mit diesem Gefühl schlief ich ein. Meine letzte Nacht auf den Felsen. 













10. Kapitel 




Als Yena aufbrach, waren es zuletzt nur noch Sarah und Déa, die mitgingen, bis ans Ende der Felsen. Dort umarmten sie einander zum Abschied. Sarah und Yena sahen einander tief in die Augen. <Du weißt, meine Gedanken sind mit dir>. Dann wandte Yena sich ab. Sarah und Déa sahen ihr nach, wie sie sich, zwischen den letzten Felsausläufern einen Weg suchend, immer weiter nach Nordwesten bewegte. Immer kleiner werdend. 

Sarah hob die Hand, die Augen beschattend – 

und für einen Moment konnte sie gegen die schräg einfallenden Strahlen der untergehen-den Sonne die Zukunft ganz klar sehn, nur da vorn zwischen den Felsen … 



 Sarahs Vision 


Mit unglaublicher Schärfe sah sie wie der Kanarie Yenas Händen entglitt und in einem Funkenregen in den Himmel empor stob. Gleichzeitig spürte sie, wie ein Teil von ihr selbst sich löste und dem Kanarie hinterher strebte. Wie ein Seufzer stieg es von der Men-schenmenge empor; als hätte jemand die unsichtbaren Gewichte von ihren Herzen gelöst …  Doch in diesem Moment wusste Sarah, dass Yena es nicht schaffen würde, dass sie dies nicht allein bewältigen konnte. Sie spürte die Seele jener uralten Herrscherin Sarahmaus in dem Kanarie, jener Hexe, die die Stadt zu ihrem Unglück verdammt hatte, Sarah. Und gleichzeitig spürte sie jedoch auch einen Teil jenes anderen Wesens in sich selbst. Sarah. – Yena hatte also recht gehabt, es gab eine Verbindung zwischen ihr selbst und jener legendären Herrscherin. 

In diesem Moment wusste Sarah, dass sie es war, die Yena helfen musste. 

Wie von weiter Ferne sah sie sich selbst in mitten all der Menschenmassen. Wie von jemand anderem gerufen hörte sie ihre eigene Stimme schreien. <Ihr seid frei!>, schrie die Stimme, und doch schien sie nicht wirklich ihr zu gehören. <Ihr seid frei!>, rief nun auch Yena, ihre Stimme all die anderen übertönend und sich in freier Luft überschlagend. Noch immer hörte Sarah sich selbst schreien, und doch war gar nicht wirklich sie es, die schrie. Immer noch sah sie sich wie aus weiter Ferne. 

Über ihr schrie der Kanarie. Da wusste sie, dass es gleichzeitig auch jene andere Sarah war, die durch sie die Worte schrie. Dass auch die Seele des Vogels erlöst werden wollte. 

                     Um sie herum fielen die Menschen einander in die Arme und jubelten. Sie fühlten sich wie befreit. Wie hatten sie nur so lange ohne Glück leben können, ohne es überhaupt zu merken. Sarah konnte nun ihr Glück spüren, wie freudentaumelnde Wogen, die gegen Sandstrände klatschten. Jauchzend stieg es zum Himmel empor. 

Über ihr schrie immer noch der Vogel. Und plötzlich konnte Sarah die Worte verstehn. <Dies ist meine Stadt, an Geburt und Name, und ihr sollt mir gehorchen. Mein Wille sei euch kein Befehl mehr, und mein Todesurteil euer Glück. Kein Staub soll mehr in den Straßen Sarahmaus umherwehen, dass nur der Wind zurückbleibt. Dieser Staub war mein Unglück bis ans Ende meiner Tage. Seid nun glücklich! – und lasst meine Seele Frieden finden>. 

Und als der Vogel/die Seele so gesprochen hatte, erhob sich ein mächtiger Wind, der allen Staub davonbließ. 

Sarah blinzelte. Sie fühlte sich selbst auf der Straße knien, Staub in den Augen. Um sie herum jubelten die Menschen, sich einander immer wieder in die Arme fallend. Sie sah Yena auf sich zulaufen und sie sanft auf die Füße ziehen. Sie spürte wie sie sie umarmte, wie sie ihr etwas zurief; doch die Worte kamen nicht bei ihr an. Sie war so entsetzlich müde. Sie lächelte nur leise, und Yena verstand. Stumm legte Sarah den Kopf an ihre Schulter, sie spürte wie Yena sie fest hielt, damit sie nicht hinfiel. Sie lächelte leise. In ihr war eine große Leere. Gedankenverloren blickte sie in den blauen Himmel hinauf, weit über dem Tumult um sie herum. Ein paar gelbe Federn wurden vom Wind vorbeigetrieben, irgendwo ins ferne Blau hinein. Das war alles, was vom Kanarienvogel noch blieb, der legendären Herrscherin Sarahmaus. 


Sarah lächelte. Benommen blinzelte sie ein paar Tränen aus den Augen. Sie war auf die Knie gefallen. Ganz deutlich konnte sie die Vision noch spüren, jenes intensive Glück … Sie lächelte leise. 

Neben ihr beugte sich Déa besorgt zu ihr herunter. <Bist du in Ordnung?> fragte sie leise. Sarah lächelte nur <Danke, alles OK>. Langsam stand sie auf. Dann sah sie noch einen Moment in die Ferne, dort wo Yena verschwunden war. 

<Sie wird es schaffen>. Sie hatte die Worte halb unbewusst ausgesprochen, fast mehr zu sich selbst als zu Déa. Sie lächelte leise. Dann wandte sie sich um und ging den Felsen-pfad hinab, zurück zu den anderen. 

Für einen Moment sah Déa ihr nach, dann blickte auch sie noch ein letztes Mal in die untergehende Sonne. Zweifelnd. Dann ging auch sie.